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Tja, es gibt immer was zu schnacken draußen in Torfbostel. Oma Sanne (Thomas Matschoß, li.) und Oma Elli (Tahere Nikkhoyemehrdad) sorgen für den Nachrichtenfluss.
Foto: brüggemann
Tja, es gibt immer was zu schnacken draußen in Torfbostel. Oma Sanne (Thomas Matschoß, li.) und Oma Elli (Tahere Nikkhoyemehrdad) sorgen für den Nachrichtenfluss. Foto: brüggemann

Neues aus der Schwundregion

Von H.-M. Koch
Bostelwiebeck. Wer als Fremder raus in die Schwundregion fährt, nach Torfbostel, den schickt das Navi ins Moor, der muss zu Fuß weiter, den Bernie treffen, der hat einen Trecker. Torfbostel, irgendwo zwischen Gollernbach und Taterbusch, da gibt es nicht mal ein Ortsschild, nur ein oder zwei Schweinebauern, eine Landschlachterei seit 1951, ein paar junge Leute, die weg wollen in die große Stadt, und die Ollschen mit Kittelschürze und Kopftuch, die sich zum Tratsch treffen und „muss ja“ seufzen. Aber jetzt – jetzt donnert’s im Dorf: Erstens droht der Genmais MMP 34/58Z, und zweitens schneit Valentina-Sophia herein – die Hamburger BWL-Studentin hat den Hof von Onkel Wanja geerbt. Viel Stoff für eine schräge Komödie zwischen Ohnsorg- und Schmidt-Theater plus einem Schuss Plattsnackers. „Stadt Land Wurst“ heißt das neue Stück vom Jahrmarkttheater in Bostelwiebeck – in diesem Jahr ist längst alles ausverkauft.

Experte für den Mix aus Quatsch und Erkenntnis ist Thomas Matschoß. Er hat schon das Buch zum St.-Pauli-Musical „Heiße Ecke“ geschrieben (mehr als 1,5 Millionen Besucher). Matschoß sorgt mit Anja Imig (Ausstattung) für die Sommertheater-Spektakel in Wettenbostel, zuletzt „Dracula“, und im Winter wird seit einem Jahr in Bostelwiebeck gespielt, das irgendwie ein bisschen wie Torfbostel aussieht, aber ein Ortsschild hat.

Es bahnt sich etwas an im Kaff, denn die Valentina-Sophia stößt auf Bernie, den Schlachterladenerben mit Großstadtfluchtgelüsten. Es britzelt gewaltig zwischen den beiden, aber sie nehmen zum Vergnügen des Publikums einen langen Anlauf zum Glück. Auf der Strecke tauchen Typen auf wie der gelackte Genmaisfeld-Erschließer, die Babs, die Fotografin werden will, der Christian, der was mit Gastro macht, Bauer Hauke, kommunizierende Tiere und Oma Sanne. Die geht am Stock und tüdert schon ein bisschen.

Oma Sanne, das ist Thomas Matschoß, die oder der mit einem speziellen Hamburg/Torfbostel-Platt und gepflegtem Trockenhumor durch die Geschichte führt, die/der das Rad der Zeit dreht und bei den Songs zum Cello greift. Vier Kollegen in diversen Rollen mischen mit, dazu laufen Videos mit zwölf weiteren Akteuren, die Jahrmarkttheaterbesucher schon kennen, sogar Dracula hat einen Cameo-Auftritt. Die Videos (von Bert Brüggemann) verzahnen sich mit der Bühnenhandlung, das ist originell gemacht, als weiteres Mittel nutzen Matschoß und Andrea Hingst (Co-Regie) das Puppenspiel, denn in Torfbostel haben auch Huhn und Maus einiges zu sagen.

Das Ganze ist einfach ein guter Spaß, dem Leben abgeluchst und mit Lust am Absurden angereichert. Matschoß bringt das Stück in einen guten Rhythmus, er zieht beizeiten die richtigen Fäden, um die Geschichte im Fluss und die Charaktere im Spiel zu halten. Neu im Team ist Kristina Willmaser als Studentin; vertraut aus früheren Produktionen sind die gern temperamentvoll auftrumpfende Tahere Nikkhoyemehrdad, der auch musikalisch vielseitige Maurice Schneider und der gelegentlich artistisch zupackende Mike Schlünzen.

Es geht also nichts mehr in diesem Jahr in (Torf-)Bostelwiebeck. Vermutlich auch nicht mehr lange bei den Zusatzterminen im März (20. bis 22., 27. bis 29.). Das ist die Zeit, in der Matschoß/Imig und Mit-Jahrmarkttheatler langsam den Open-Air-Spielplatz Wettenbostel in den Blick nehmen. Da soll es im Sommer ’14 um „The History of Lagerfeuer“ gehen – es darf geklampft werden.