Donnerstag , 29. September 2016
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Was will dieser geschniegelte Typ (Leif Scheele) eigentlich? Sylvia Plath (Isabella Golinski), Virginia Woolf (Birgit Becker) und Hannah Arendt (Agnes Müller) sind ratlos. Foto: t&w
Was will dieser geschniegelte Typ (Leif Scheele) eigentlich? Sylvia Plath (Isabella Golinski), Virginia Woolf (Birgit Becker) und Hannah Arendt (Agnes Müller) sind ratlos. Foto: t&w

Zickenkrieg und Zigaretten

Von Frank Füllgrabe
Lüneburg. Virginia Woolf und Sylvia Plath verstehen sich eigentlich ganz gut, sie sind sich sympathisch. Nur Hannah Arendt, diese überintellektuelle Nervensäge, muss natürlich wieder rumzicken. Sie hat Schmacht, aber im Himmel gilt Rauchverbot, vielleicht ist sie deswegen so mieser Laune. Genaugenommen befinden sich die drei ebenso berühmten wie toten Schriftstellerinnen auch gar nicht im Himmel, sondern davor, in einer seltsamen „Wartezone“. So heißt das Theaterstück von Rüdiger Walter Kunze, das jetzt im Scharffschen Haus zu sehen ist.

Nicht mehr Hier und Jetzt, aber auch nicht Paradies oder Hölle: Kunze lässt Birgit Becker (Virginia Woolf), Isabella Golinski (Sylvia Plath) und Agnes Müller (Hannah Arendt), zusammen bilden sie das „Theater zur weiten Welt“, in einer diffusen Zwischenwelt aufeinandertreffen. Sie hat das Flair einer Baustelle — das Stück wurde für den Aufführungsort geschrieben. Hier begrüßt die Damen ein undurchschaubarer Herr (Leif Scheele), der mit seinem schmierigen, unverbindlichen Charme kaum als Engel durchgehen kann. Er stellt sich als Administrator vor und verteilt Aktenordner, denn es gilt: „Nach der Bahre / Formulare, Formulare“.

Es geht um eine „Vakanz“, eine freie Stelle also. Die Drei vermuten, dass ER sie casten lässt. Wer hat denn ein gottgefälliges, sinnvolles Leben geführt? Selbstmord (Woolf und Plath) zählt ja wohl kaum dazu. Aber die kühl analysierende Philosophin und Journalistin Arendt, die sich als Agnostikerin bezeichnet, ist da nicht besser. Und so entwickeln sich wechselnde Bündnisse, fliegen die ersten Pfeile. Woolf zielt auf Arendt („Zynismus ist nicht zwangsläufig ein Zeichen von Intelligenz“), die wiederum schießt auf Plath („Sind Sie womöglich ins Scheitern verliebt?“).

Situation und Konstellation der „Wartezone“ erinnern ein wenig an das Drama „Die Grönholm-Methode“, vom Theater zur weiten Welt schon mal aufgeführt. Doch Kunze geht es eher darum, Positionen (tatsächlich bleiben die Schauspielerinnen meistens auf ihrem Fleck stehen) darzustellen, die sich aus der jeweiligen Zeit, der Herkunft und dem gesellschaftlichen Umfeld heraus begreifen lassen. Dazu gehören die Kostüme: Die Woolf (England, 1882-1941) im üppigen Salon-Look, Plath (England, 1932-1993) in einer eher hässlichen Schuluniform, die Deutsche Arendt (meistens New York, 1906-1975) im strengen, grauen Kostüm.

So entwickeln sich in einer knappen Stunde Spielzeit heitere und nachdenkliche Momente über Sünden, Engel, Ehemänner, über Literatur und die Frage nach dem Dasein an sich. Aber wie soll man das Leben begreifen, wenn man/frau schon an einer Steuererklärung verzweifelt? Jedenfalls gab es für das Quartett am Ende viel Applaus.

Die von der Sparkassenstiftung und dem Landschaftsverband geförderte Produktion ist noch am 13., 15., 18., 19. und 20. Dezember jeweils um 20 Uhr zu sehen.