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Christoph Maria Herbst alias Prof. Joachim Sauer im Vamos. Foto: t&w
Christoph Maria Herbst alias Prof. Joachim Sauer im Vamos. Foto: t&w

Mutti hört heimlich Schnulzen

hjr Lüneburg. Mutti kann nicht mit Kindern. Beim Dreikönigssingen würgt sie die Jugendlichen brüsk ab, doziert über den Arabischen Frühling und das Ende der Monarchien. Hinter der mütterlichen Maske steckt die Merkel, und als Tagebuch-Autor entpuppt sich der Kanzlerinnen-Gemahl persönlich. Natürlich sind die Notate gefälscht, aber trotzdem herrlich lustig. Ein Anonymus hat sie verfasst, vermutlich Christoph Maria Herbst selbst, der die Annalen mit Wonne zelebriert, jüngst im vollen Lüneburger Vamos: Enthüllungen aus den Untiefen der großen Politik und Einblicke in die häusliche Bescheidenheit, die so oder ähnlich der Wahrheit recht nahekommen mögen.

Der leidenschaftliche Rezitator, seit „Stromberg“ ein Schwergewicht der deutschen Comedy-Szene und mehrfach preisgekrönt, würzt die Berliner Bemerkungen mit süffisanten Kommentaren, die er dem Gatten im Schatten der mächtigsten Frau auf dem Globus messerscharf in den Mund legt.

Der Herr Sauer, Joachim, erweist sich in „Das total gefälschte Geheim-Tagebuch vom Mann von Frau Merkel“ als hartnäckiger Kapitalismus-Kritiker, ziemlich bieder und sparsam, vor allem notorischer Ost-Nostalgiker, der immer dann in breites Sächsisch flüchtet, wenn es sehr zur Sache geht. Der Angetraute bleibt zwangsläufig am Rande des politischen Epizentrums der Republik. Ein Beobachter, der keine Rücksichten nehmen muss und gern mal die ganz normale Merkel-Welt hinter den funkelnden Fassaden offenbart.

Heimlich hören beide den ehemals staatseigenen Schnulzier Frank Schöbel oder trinken Brandenburger Bier. Die Gesetze der politischen Bühne irritieren den Naturwissenschaftler eher. Da flanieren zum Beispiel auf irgendwelchen wichtigen Empfängen wunderliche Hollywood-Stars über rote Teppiche oder taucht ein gewisser Bill Gates auf, der mit Nonchalance beim Weltwirtschaftsgipfel zum Dinner teure Weine konsumiert und der stille Mann im Hintergrund fragt sich geflissentlich, wie er sich das leisten könne.

Zeit für Privates jedenfalls bleibt dem Paar selten. Sauer packt aus: ein Schlückchen Selbstgebranntes oder Kalles Sauna-Abende mit dem niedlichen Badebeutel aus DDR-Beständen. Nach drei Schwitzgängen wird Mutti locker und ritzt die Namen entsorgter Minister ins Kiefernholz. Rares Glück, das er als Besonderheit einträgt. Häufiger lugt der temporäre Strohwitwer auf Angelas Blazer-Kollektion, die schon mal von der Reinigungskraft als Putzlappen missbraucht wird.

Wer hätte gedacht, welche Abgründe schwarzen Humors in der Kanzlerin schlummern? Herbst alias Sauer deckt sie auf, durchstreift den Alltag zwischen Besuch bei Obama und Bowle zum Geburtstag. Mit Kennerblick lüftet er Details und schreibt pikante Anmerkungen, die manchmal zu lyrischen Höhenflügen führen und dann, endlich, gibt er gar den Kosenamen seiner pausenlos beschäftigen Gemahlin preis: Frottee-Fee. Vom Euro-Rettungsschirm bis zum heimeligen Dia-Abend auf dem Wohnzimmersofa spannt der lesende Schauspieler den weiten Bogen, so macht Politik richtig Spaß. Tosender Applaus.