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Werther (Karl Schneider) flippt mal wieder aus, Charlotte (Kristin Darragh) erlebt es mit Schrecken. Foto: theater/tamme
Werther (Karl Schneider) flippt mal wieder aus, Charlotte (Kristin Darragh) erlebt es mit Schrecken. Foto: theater/tamme

Charlottes Qual der Wahl

Von H.-M. Koch
Lüneburg. Wäre die Welt nicht so männerzentriert gewesen zur Zeit von Goethe und auch noch 100 Jahre später zur Zeit des Musikers Massenet, dieses Stück müsste „Charlotte“ heißen. Denn sie ist es doch, die zerrissen wird im Kampf von Gefühl und Verstand, von Vorstellungen über das Liebenwollen und das Lebenmüssen. Die anderen, der namensgebende „Werther“ voran, folgen immer stur der eigenen Spur, kennen nur alles oder nichts in diesem großen Stoff, der einst bewies, dass Literatur doch etwas bewirken kann und sei es eine Serie von Suiziden. „Werther“ ist jetzt im Theater Lüneburg zu erleben, in der Essenz der Oper des Jules Massenet und in eindringlichen 90 Minuten im T.3. Ein mutiges Projekt. Ein gelungenes.

Friedrich von Mansberg (Regie) und Thomas Dorsch (Musik) haben das üppige Werk auf seinen Kern geführt – vier Personen, 16 Musiker, 90 Minuten. „Werther“ läuft im T.3 für Menschen ab 14 Jahre. Christiane Becker hat den Raum knapp und spannend eingerichtet, nutzt Teile der Tribüne als Spielfläche. Hier die Andeutung eines Hauses, gegenüber entpuppt sich die Natur als zusammengebretterter Baum. Ein Steg trennt Spieler von Musikern. Es gibt viel Schwarz und Weiß, dazu historische Kostüme, und ab und an fliegen Rosen so wild wie die Gefühle.

Ganz leicht macht es „Werther“ nicht. Das Drama spielt in sich in drei von vier Akten vor allem in den Menschen ab. Die Mansberg/Dorsch-Essenz stärkt das noch, nichts lenkt ab von Seelenpein. Thomas Dorsch bringt mit den Symphonikern das Schwärmerische und Schwelgende, ebenso das Dunkle und Dramatische von Massenets Musik packend in Fahrt und lässt Klangfarben leuchten, bis zum Saxophon.

Eine zum Zerreißen gespannte Seele macht Kristin Darragh als Charlotte erlebbar, hier Pflichtgefühl und Eheversprechen mit Albert, da der emotionale Strudel, den Werther auslöst. Darragh singt grandios, gibt dem Charakter Tiefe. Karl Schneider ist Werther, der sich wahnsinnig in seine Vision der erfüllenden Liebe steigert und all sein Sehnen auf Charlotte projiziert. Der Mann schwärmt, er glüht, er brennt, er verliert leicht die Beherrschung und wählt in allem, was er tut, die radikale Variante. Schneider gelingt mit großer Stimme und intensivem Spiel das schillernde Porträt eines bis zur Selbstaufgabe Liebenden.

Zwei Gäste: Christian Oldenburg bringt als Albert den kühlen, coolen Typ des Ehevertragsmenschen ein, korrekt, geradlinig und einem Werther gegenüber völlig verständnislos. Oldenburg singt die Partie locker und besitzt dazu – was sehr viel wert ist – eine hervorragende Aussprache. Vierte im Bunde ist eine locker auftrumpfende Barbara Emilia Schedel mit einer Sophie, die dem Leben vorrangig die leichten Seiten ablauscht.

Friedrich von Mansberg nutzt in seiner Regie den ganzen Raum und hält das Spiel doch dicht beeinander. Er sorgt für farbige Tupfer durch familiäre Statisterie (Friedrich Anton und Anna Sophie von Mansberg). Wirksam ist die Idee, die Oper zwischen den Akten durch aus dem Off gelesene Texte aufzubrechen, sie reflektieren das Geschehen und das ewige Thema Liebe, das – es ist nun mal Oper! – hier in einen Abgrund mitten zur Weihnachtszeit führt.

Eine schöne und vom Publikum auch schön aufgenommene Bescherung ist dem Theater gelungen, so hautnah gibt es Oper nicht so schnell wieder – in diesem Jahr noch am Dienstag, 17. Dezember, und dann wieder 2014.