Aktuell
Home | Kultur Lokal | Gregor funktioniert nicht
Martin Skoda, als Typ Kafka ausstaffiert, liest die Geschichte des Gregor Samsa. Foto: t&w
Martin Skoda, als Typ Kafka ausstaffiert, liest die Geschichte des Gregor Samsa. Foto: t&w

Gregor funktioniert nicht

Martin Skoda hat sich einen Franz-Kafka-Anzug übergestreift und das Haar glattgezogen. Er sitzt auf einem kargen Stuhl an einem kleinen Tisch. Wasserkaraffe, eine Schale Obst. Der Raum ist eng und schwarz, ein Bilderrahmen an der Wand, hinten im Eck hängen Hut und Gehrock. Mehr nicht.

Das kann der Arbeitsplatz des Konzipisten Kafka bei der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen sein – oder das Zimmer im Haus der Familie, in dem Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwacht und sich als ungeheures Ungeziefer wiederfindet. Martin Skoda also liest und spielt auch ein wenig Franz Kafkas berühmteste Erzählung „Die Verwandlung“, gerafft auf 80 Minuten im T.3 des Theaters. Die gehen schnell vorbei.

„Die Verwandlung“ schrieb Kafka 1912, ein wichtiges Jahr, in dem das Schreibenmüssen immer bedeutsamer wird, in dem sich zugleich das übermächtige Thema Angst in ihm ausbreitet. Kafka arbeitet von 8 bis 14 Uhr im Büro, schläft am Nachmittag, geht eine Stunde spazieren, isst spät und schreibt von 23 Uhr bis tief in die Nacht. Veränderungen irritieren ihn, ein Leben, das auch persönliches Glück bedeuten könnte, bleibt in Briefen stecken.

Sabine Bahnsen hat das Solo eingerichtet und verdichtet, hin auf die Kernfigur des reisenden Tuchhändlers Samsa, der sein Leben der Arbeit und den Eltern unterworfen hat. Samsa verleugnet sich selbst total – und das auch noch im kompletten Zusammenbruch, wenn er das Ende des Funktionierens und das Ausgesondertwerden erleben muss. „Die Verwandlung“ ist ein wirksamer, absurder, schrecklicher Text. In ihm liegen reichlich Angebote zur Deutung, die nichts an Aktualität verloren haben.

Skoda transportiert die schlanke, fast kühle Sprache Kafkas ohne Pathos. Er sieht mit seiner Blässe und starren Haltung ein wenig aus wie ein Mann aus einem Stummfilm. Kleine szenische Einlagen wie das Wegwischen des Obstes vom Tisch, eine plötzlich ausholende Gestik verweisen auf das sonst unterdrückte Innenleben des Gregor Samsa. Klaviermusik unterbricht die Kapitel, Pausen zum Durchatmen. Skoda verwandelt – ein paar Verleser inklusive – die Erzählung in ein unbequemes, Konzentration forderndes Hörstück. Wer sich in den Text saugen lässt, erlebt einen spannenden Abend. H.-M. Koch