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Einsatz für Händel: die Kantorei der Johanniskirche beim letzten großen Auftritt in diesem Jahr. Foto: t&w
Einsatz für Händel: die Kantorei der Johanniskirche beim letzten großen Auftritt in diesem Jahr. Foto: t&w

Pracht und Innehalten

hjr Lüneburg. Von Trost ist die Rede. Noch keine Euphorie, das Strahlen lässt auf sich warten. Tenor Andreas Karasiak singt fein timbriert von Wüste und Strafen, dramatisch durchpulst. Erst in der nächsten Arie wird sein Tonfall lichter, ornamentierter. Einstürzende Berge sind das Thema, wie bei Jesaja anschaulich beschrieben. Auch so kann Weihnachten starten: weniger trubelig, geschwätzig, laut als allgemein üblich. Das hat Georg Friedrich Händel subtil komponiert, und Joachim Vogelsänger greift die Spur mit Bedacht auf. Innehalten, Verweilen, bevor der Chor mit „And the glory of the Lord“ zur ersten Pracht anhebt. „The Messiah“ in der prallvollen Johanniskirche: nicht nur klangsatte Musik, sondern ebenso eine gute Dosis kluger Exegese.

Händels Hang zur großen Oper kann und will sein Oratorium kaum verbergen. Daraus wäre reichlich Pathos zu schöpfen. Doch Vogelsänger ging es um die Intensität der Geschichte mit Worten aus dem Alten und Neuen Testament, ihre Wucht und weitreichenden Konsequenzen von Jesu Geburt bis zur Auferstehung. Vital sollten die Passagen zur Geltung kommen, aber parallel waren immer die leiseren Momente gewünscht. Gegensätze, klar herausgemeißelt, wie zum Beispiel im Alt-Solo „But who may abide the day“, das Alexandra Sherman vorzüglich gestaltete.

Das Concerto Brandenburg, ein Spezialisten-Ensemble für barocke Musik, nahm den Faden auf, differenzierte erstklassig. Großartig, wie die Klangsprache des 18. Jahrhunderts authentisch zur Geltung kam: Dafür sorgte der Dirigent, achtete streng auf korrekte Intonation und markante Kontraste.

Die Solisten bewältigten ihre Aufgaben mit Hingabe und sicherem Gespür für die angemessene Stimmungslage. Andreas Karasiak (Tenor) und Alexandra Sherman (Alt) bestätigten den positiven Ersteindruck. Bassist Raimund Nolte hatte seinen großartigsten Auftritt in der Marathon-Arie „The Trumpet shall sound“, Sopranistin Gabriele Hierdeis begeisterte unter anderem in „I know that my Redeemer liveth“. Dabei korrespondierten sie exzellent mit Orchester und Dirigent.

In früheren Zeiten badeten Ausführende gern in den süffigen Melodien, verwechselten Lautstärke mit sensibler Interpretation. Das änderte sich spätestens mit der Entscheidung für eine historische Spielweise. Händel braucht das. So atmete auch der jüngste Lüneburger Messias tief in die theologische Botschaft hinein und entfaltete gerade dadurch sein beachtliches Spektrum.

Die Johanniskantorei musste präzise am Text bleiben, mit analytischem Blick genau hineinhorchen. Das geschah auf sehr hohem Niveau und kulminierte im „Halleluja“, das hier auch mehr als nur plakatives Jubeln im Fortissimo war. Eine homogene, konzentrierte Wiedergabe in englischer Originalsprache. Joachim Vogelsänger rückte kleinste Wackelkontakte sofort ins Lot, brachte den gesamten Apparat in Klangwallung. „The Messiah“ mit Substanz und Glanz – tosender Applaus am Ende.