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Anneke de Rudder wird ein Jahr lang die Geschichte hinter den Objekten aufspüren, Dr. Ulfert Tschirner stieß die Forschungsarbeit an. Foto: t&w
Anneke de Rudder wird ein Jahr lang die Geschichte hinter den Objekten aufspüren, Dr. Ulfert Tschirner stieß die Forschungsarbeit an. Foto: t&w

Wege zur Wahrheit

oc Lüneburg. Mit dem Namen Gurlitt konnten noch vor wenigen Wochen nur Spezialisten etwas anfangen. Nun klebt der Name des Kunsthändlers wie ein Etikett auf dem Thema Nazi-Raubkunst. Ein — vergleichsweise kleines — Kapitel fordert auch in Lüneburg Klärungsbedarf und ist Teil mehrerer Maßnahmen, mit denen das Museum Lüneburg die Nazizeit erforscht. In Auftrag gegeben wurde von der Museumsstiftung ein Gutachten, in dem Prof. Dr. Dirk Stegmann prüft, wie es um die Aufarbeitung der NS-Zeit in Lüneburg steht. Mit der Geschichtswerkstatt wird, wie berichtet, an der Aufstellung eines Waggons gearbeitet, der an die KZ-Opfer erinnert, die 1945 am Lüneburger Bahnhof ums Leben kamen. Und drittens packt das Museum das Thema Provenienzforschung an.

Dabei geht es vor allem um den im Museum befindlichen Nachlass der jüdischen Familie Heinemann. Die von den Nazis aus Lüneburg vertriebene Familie war dem Museum einst eng verbunden, Marcus Heinemann (1819-1908) war sogar Schatzmeister des Museumsvereins. Dass es in Lüneburg Bedarf zum Aufarbeiten gibt, hatte ein LZ-Artikel von Carlo Eggeling im September 2012 deutlich gemacht. Erste Schneisen ins Dickicht aus Akten, unklaren Zuweisungen von Objekten sowie Vernetzungen zwischen Museumsdirektor Wilhelm Reinecke und den Nazis schlug Museumskurator Dr. Ulfert Tschirner, der sich daran gemacht hat, die gesamten Bestände des Museums zu sichten und zu katalogisieren. Eine Arbeit, die nicht beendet ist.

„Es ist im Detail nicht eindeutig, wie sich das Museum verhalten hat. Aber wir haben auf jeden Fall Objekte im Museum, die in die Kategorie Raubkunst fallen“, sagt Dr. Tschirner. Um Licht ins Dunkel bringen zu können, stellte er einen Antrag bei der Arbeitsstelle für Provenienzforschung in Berlin. Sie unterstützt das Lüneburg-Projekt mit 53.000 Euro. Ein Jahr lang wird sich ab 1. April die Historikerin Anneke de Rudder auf die Spur machen, um vor allem die Gegenstände der Familie Heinemann Stück um Stück zu sichten. Wie kam was ins Museum, lautet die Fragestellung, welche Objekte sind eindeutig als Heinemann-Besitz zu identifizieren, und gibt es Erben der über die Welt verzweigten Familie, die Ansprüche stellen können? Die Grauzone ist gewaltig.

Es geht dabei nicht um sonderlich wertvolle Gegenstände. Auf einer Liste im Rahmen einer dubiosen Auktion des Jahres 1940 finden sich 21 Positionen, die aus dem Besitz der Familie Heinemann stammten und ins Museum kamen. Die Bezeichnungen sind eher allgemein: Fensterscheiben, Bauernstühle, Krüge etc. Drei Objekte sind identifiziert: eine Truhen-Schauseite und zwei Fenster-Wappenscheiben. Viel Arbeit für Anneke de Rudder bleibt. Im Grunde, so Tschirner, müssten alle Zugänge ab 1933 überprüft werden. Das allerdings gilt für alle Museen — und ist kaum leistbar. Im Fall Heinemann, so Tschirner, solle es darum gehen, „das Prinzip der Entrechtung und Enteignung jüdischer Familien zu reflektieren, die häufig schleichend und unter dem Deckmantel der Legalität erfolgte.“ Auf der Homepage des Museums führt Tschirner diesen Ansatz weiter aus.

Anneke de Rudder forscht seit Jahren zur NS-Geschichte, etwa über die Gauhauptstädte, in deren Kreis Lüneburg 1937 kam. „Wir streben eine Einordnung an, viel mehr wird nicht gehen“, sagt die Historikerin zu ihrer neuen Aufgabe. Sie erinnert auch darauf, dass zum Kriegsende tagelang am Sande Papiere verbrannt wurden. Die Lücken des Wissens können nicht vollständig geschlossen werden. Ihre Arbeit reiht sich ein in Forschungen zur Lüneburger NS-Geschichte und zur Rolle des Museums, für die unter anderem die Geschichtswerkstatt und Dr. Rainer Sabelleck Beiträge geliefert haben.

„Das Thema werden wir weiterentwickeln, in der Dauerausstellung aufgreifen und dabei neue Erkenntnisse integrieren“, sagt Museumsdirektorin Dr. Heike Düselder. Die Geschichte garantiert auch in der Zukunft spannende Baustellen.