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Rüdiger Safranski, hier als Ehrengast des Heine-Hauses 2011, kommt wieder nach Lüneburg. Foto: a/t&w
Rüdiger Safranski, hier als Ehrengast des Heine-Hauses 2011, kommt wieder nach Lüneburg. Foto: a/t&w

Ein Leben als Gesamtkunstwerk

ff Lüneburg. Als Johann Wolfgang von Goethe am 22. März 1832 in Weimar starb, da hielt sich die öffentliche Trauer in Grenzen. ,,Ein herzloser Aristokrat weniger“, sagten manche, dem berühmten Literaturkritiker Wolfgang Menzel war der Tod keine einzige Zeile wert. Auch Goethes hundertster Geburtstag 1849 ging fast unbemerkt vorüber, während Schillers Geburtstag zehn Jahre später ein nationaler Feiertag wurde. Doch heute wird eine ganze Epoche nach ihm benannt, die ,,Goethezeit“. Über ,,das vielleicht letzte Universalgenie“ hat Rüdiger Safranski eine Biographie geschrieben, die ihrerseits in der Flut der Bücher über Goethe bereits eine Sonderstellung gewonnen hat. Der Autor stellt sie am Dienstag, 14. Januar, um 20 Uhr bei Lünebuch/Buchhandlung am Markt vor.

Die Goethezeit — verspieltes Rokoko, Sturm und Drang, Französische Revolution, Postkutsche und Eisenbahn, Beschleunigung des Alltags, wachsende Bedeutung der Naturwissenschaften. Die Biographie (Hanser Verlag, 750 Seiten) trägt den Untertitel ,,Kunstwerk des Lebens“. Denn Leben, Erkenntnis und Reflexion waren bei Goethe untrennbar miteinander verbunden. Auch damit steht der Dichter, der sich — mehr oder weniger nebenbei — erfolgreich mit so ziemlich allen Wissenschaften seiner Zeit beschäftigte, beispielhaft da. ,,Jede Generation hat die Chance, im Spiegel Goethes auch sich selbst und die eigene Zeit besser zu verstehen“, schreibt Rüdiger Safranski. Er spricht von einem ,,gelungenen geistig-seelischen Stoffwechsel mit der Welt“.

Das Buch ist im Kern chronologisch gegliedert, beginnend also mit den Frankfurter Jugendjahren, in denen sich bereits Goethes verschwenderischer Reichtum an Talenten zeigt. Dann das ungeliebte (und recht lässig betriebene) Jura-Studium des durchaus etwas schnöseligen, eitlen jungen Herren in Leipzig und in Straßburg, der phänomenale Debüt-Erfolg des ,,Götz von Berlichingen“, der ,,Werther“, der Goethe europaweit zu einem Popstar machte, und dem sich ein gewisser Friedrich Schiller zunächst nur scheu nähern mochte — zu groß war der Schatten, den der zehn Jahre ältere (aber einen Kopf kleinere) Dichterfürst warf.

Goethe war oft und gern verliebt, interessierte sich für alles, pflegte viele Kontakte mit Menschen, die ihm einigermaßen ebenbürtig waren. Aber: Nicht alles an sich heranlassen, auch mal etwas ignorieren, das gehörte, so Safranski, zu seiner Lebensklugheit. Goethe war ein Mensch der Rituale, Symbole und Allegorien, ein Freund von Andeutungen und Anspielungen. Doch wollte er immer zu einem Ergebnis, einer Gestalt, einem Werk kommen — als Schriftsteller wie als auch als Minister, der für Bergbau und Landwirtschaft zuständig war.

Rüdiger Safranski, geboren 1945, ist Philosoph, von 2002 bis 2012 moderierte er zusammen mit Peter Sloterdijk das Philosophische Quartett im ZDF. Vor allem aber ist der gebürtige Rottweiler ein vielfach preisgekrönter, in über 20 Sprachen übersetzter Autor — unter anderem von großen Biographien über Schiller, E.T.A. Hoffmann, Schopenhauer, Nietzsche, Heidegger, von Büchern über die menschlichen Grundfragen und zuletzt von vielgepriesenen Büchern über die Romantik (2007) und die Freundschaft zwischen Goethe und Schiller (2009). Im Jahre 2011 war er Ehrengast des Lüneburger Heine-Hauses.