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Neujahrskonzert

Seid umschlungen, Millionen!

ff Bleckede. Neujahrskonzerte nach Wiener Vorbild haben fest umrissene Aufgaben: Sie sollen — zweitens — in einem noblen und vielleicht auch leicht morbiden Glanz schimmern und — erstens — gute Laune verbreiten. Dafür ist in der Stadt Lüneburg das Theater zuständig, im Landkreis der Kultur- und Heimatkreis Bleckede. Die Lüneburger Symphoniker ließen es ordentlich donnern und blitzen, schwelgten in Schampus-Laune. Ihre Göttinger Kollegen setzten im ausverkauften Bleckeder Haus auf einen etwas anderen Schwerpunkt und hatten damit ebenfalls großen Erfolg bei ihrem Publikum.

„Träume und Wünsche“ heißt das Programm, mit dem Christoph-Mathias Müller, Dirigent des Göttinger Symphonie Orchesters, das 23. Neujahrskonzert in Bleckede gestaltete. Es war zugleich die erste Veranstaltung nach dem Feuer in dem Haus hinter dem Deich, es wird nun von Campus Management betrieben — und bietet eben doch mehr Atmosphäre als die Event(turn)halle des Schulzentrums, die als Ausweichquartier diente. Nach wie vor gilt: Ohne Unterstützung der Volksbank wäre der Auftritt von immerhin rund 50 Musiker(inne)n nicht denkbar. Darauf wies Dr. Matthias Heckeroth hin, der Vorsitzende des Kulturvereins — „und das ohne umständliche Antragsformulare, Handschlag genügt“.

Träume und Wünsche also. Die Ouvertüre der Operette „Die schöne Helena“ von Jacques Offenbach eröffnete auch den Abend — die antike Helena hatte sich statt ihres zwar königlichen aber auch schon leicht welken Gatten einen knackigen Liebhaber gewünscht. Weniger egoistisch dachte Johann Strauß (Vater), der seinen die Welt umarmenden Walzer „Seid umschlungen, Millionen!“ Johannes Brahms widmete. Dieser wiederum hatte ihn und seine Kompositionen einem angesehenen Musikverlag empfohlen.

Glanzpunkte des Konzerts setzte nicht etwa eine flirtende Sopranistin oder ein charmierender Tenor, sondern eine junge Violinistin: Christina Brabetz. Sie begeisterte ihr Publikum mit Fritz Kreislers „Liebesleid“ und „Liebesfreud“, mit Jules Massenets romantischer „Meditation“ aus der Oper „Thais“, vor allem aber mit Antonio Bazzinis hoch virtuoser „La ronde des Lutins“ (Tanz der Kobolde) und einer Havanaise von Camille Saint-SaÍns. Sie hat den gleichen rhythmischen Ursprung wie die berühmte Habanera aus „Carmen“, ist aber nicht von einem durchlaufenden Ostinato geprägt, sondern erheblich vielschichtiger, ein Zauberstück mit wechselnden Stimmungen.

Natürlich waren trotzdem alle neujahrskonzertrelevanten Sträuße vertreten, also Josef, Johann (sen.) und Johann (jun.) Strauß; Polkas, die etwa „Ohne Sorgen“ oder „Auf Ferienreisen“ heißen, letztere klingt wie die feuchtfröhliche Landpartie eines Männergesangvereins — die Göttinger blieben in der Interpretation stets souverän.

Und natürlich war im Verlauf des Zugabenteils dann höchste Zeit für den unverzichtbaren Radetzky-Marsch, das wohl einzige Stück, bei dem der Orchesterchef vor allem das Publikum dirigiert. Und danach ist Schicht, so ist es Brauch — das Bleckeder Publikum jedoch hätte glatt eine weitere Zugabe vertragen. Da musste Christoph-Mathias Mueller bedauernd abwinken. Nächstes Jahr wird er ganz sicher zur Vorsicht noch ein zusätzliches Stückchen mit an die Elbe bringen.