Mittwoch , 28. September 2016
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Der Arm vorm Kopf als Brett vorm Kopf: Olaf Schmidt erläutert Figuren und Bewegungen. Foto: t&w
Der Arm vorm Kopf als Brett vorm Kopf: Olaf Schmidt erläutert Figuren und Bewegungen. Foto: t&w

Sehnsucht, Einsamkeit und Wärme

oc Lüneburg. Pfingstmontag 1828 taucht auf dem Nürnberger Unschlittplatz ein Junge von etwa 16 Jahren auf, keiner kennt ihn, er wirkt wie aus der Zeit gefallen. Fünf Jahre später wird er gewaltsam ums Leben kommen. Als Kaspar Hauser ist er bis heute berühmt, seine Herkunft, sein bekanntes Leben, sein Tod – sie geben nach wie vor Anlass zu Forschung, Spekulation und Fragen. Sachbücher, Romane, Filme nähern sich der Figur an, und nun kommt „Kaspar Hauser“ im Theater Lüneburg auf die Bühne. Gestern gaben Ballettdirektor Olaf Schmidt und Mitstreiter bei einer Matinee Einblick in das Tanzstück, das einen rätselhaften Menschen in den Blick nimmt. Am Sonnabend, 18. Januar, erlebt „Kaspar Hauser“ um 20 Uhr seine Uraufführung, in einer Geschichte, die Fakten und Behauptungen um eine emotionale Ebene bereichert.

Es ist die erste große Arbeit von Olaf Schmidt für Lüneburg. Die Geschichte um den „Findling“ Hauser reizt ihn, weil sie neben dem, was bekannt ist, viel Raum für Assoziationen öffnet, viele Ebenen berührt – „die Figur lässt sich aufsplitten“, sagt Schmidt. Im Tanz können verschiedene Facetten einer Figur parallel Platz finden. Schmidt bringt für die Produktion Menschen mit, die seinen Weg seit langem begleiten: Dramaturgin Christina Schmidt (nicht verwandt), Bühnenbildnerin Manuela Müller und Kostümbildnerin Heide Schiffer El-Fouly.

Gestern blieb die Bühne noch nackt, trugen die Tänzer Trainingskleidung, ersetzten Dirigent Nezih Seckin am Flügel und Trainingsleiterin Kerstin Kessel an mehr oder weniger funktionierender Technik die Symphoniker, die Sonnabend zum Einsatz kommen. Mit dabei war bereits Mezzosopranistin Kristin Darragh, die mit Musik von Vivaldi, Purcell und Schubert Wärme in eine von den Fakten her kalte Geschichte tragen wird, als eine Art ersehnte Mutterfigur. Tänzerisch werden das Robina Steyer und Katerina Vlasova umsetzen, die Titelrolle tanzt Kilian Hoffmeyer.

Sehnsucht, Einsamkeit und Wärme seien häufig Thema in seinen Stücken, sagte Olaf Schmidt. Er lieferte ein Plädoyer für das Handlungsballett: „Literaturvorlagen setzen in mir Bilder frei“. Wie sich aus dem Lesen und Recherchieren, aus dem Wust an Informationen eine Idee und eine Geschichte herausschälen, wie minutiös Musik und Tanz aufeinander abgestimmt werden, schilderten Schmidt und Schmidt als Moderatoren der Matinee.

Zu Kaspar Hauser passt Schubert – „auch ein abgebrochenes Leben“, wie Schmidt sagt. Von Schubert, 1828 gestorben, wird die „Unvollendete“ erklingen – in Auszügen. Mozart-Klänge werden die Gesellschaft repräsentieren, Bach-Musik steht für den Adel, Schostakowitsch wird genutzt und auch die rhythmische Minimal Music von Philip Glass. Nezih Seckin beschrieb, wie die zusammengestückelt wirkende Musik sich bei den Proben als Schritt für Schritt sinnvolle, inhaltlich begründete Einheit erwies. „Sie macht uns unten im Orchestergraben einen bunten Abend“, so Seckin, der seit vielen Jahren die großen Ballette am Theater Lüneburg musikalisch begleitet.

Deutlich machte die gut besuchte, mit langem Beifall bedachte werkstattartige Matinee, dass die kleine Lüneburger Balletttruppe mit ihren neuen Chef eine Menge Neues zeigen wird – „Männer in Strumpfhosen sind nicht so meine Sache“, sagt Olaf Schmidt. Die klassische Formsprache des Balletts wird aber auch auftauchen, dann, wenn der Adel auftritt. Spitzentanz gibt es ebenfalls – in der einzigen Hosenrolle, die als Gast Giselle Poncet übernimmt. Sie tanzt den schillernden Lord Stanhope, der Kaspar Hauser finanziell unterstützte und als Vormund berufen wurde.