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Rüdiger Safranski führte in der Ritterakademie durch das Leben Goethes. Foto: t&w
Rüdiger Safranski führte in der Ritterakademie durch das Leben Goethes. Foto: t&w

Dichtung und Dasein im Einklang

ff Lüneburg. Mit Paragraphen und Verordnungen hatte es der 18-jährige Student der Rechte in Leipzig, Johann Wolfgang von Goethe, nicht so. Lieber schrieb er Briefe an seine vielen Freunde. Das war 1767, das Geburtsjahr einer neuen Literatur. Mit seinen persönlichen Schilderungen, die stilistisch und inhaltlich weit über das übliche Briefeschreiben hinausgingen, legte Goethe die Grundlage für seinen Briefroman, den ,,Werther“. In dieser frühen Studenten-Zeit, ,,da hat er sich als Autor entdeckt“, so Rüdiger Sanfranski in der vollbesetzten Lüneburger Ritterakademie. Goethe selbst notierte damals, dass seine Briefe ,,eine hübsche Anlage zu einem Werkchen“ hätten.

Das ist ein wenig untertrieben: Mit dem ,,Götz von Berlichingen“ wurde Goethe 1773, da war er 24 Jahre alt, in Deutschland zum Popstar. ,,Die Leiden des jungen Werther“, die er in nur vier Wochen schrieb, machten ihn im Jahr darauf international zu einer schillernden Berühmtheit. Auch wenn Überlieferungen, dass sich junge Männer nach dem Vorbild des Werther aus Liebskummer reihenweise das Leben nahmen, schlichtweg falsch sind.

Goethe wurde zum Helden der Sturm-und-Drang-Epoche. ,,Bin ich Poet oder Prophet?“, hat er sich  mehr oder weniger im Ernst  gefragt. Vor seinem Haus bildeten sich Menschenmassen, dauernd war Besuch, der Meister führte regelrechte Audienzen ein. Er solle doch ,,die Menge segnen“, kommentierte ein Zeitgenosse ironisch, Goethe selbst nahm 1774/75 eine Erzählung über Propheten im Allgemeinen und über Mohammed im Besonderen in Angriff.

Er blieb ein Poet. Goethe hatte ein Dasein im Einklang mit dem Schreiben geführt  eine Tatsache, die Rüdiger Safranski, selbst ein prominenter Philosoph und Schriftsteller, in seiner Biographie (Untertitel: ,,Kunstwerk des Lebens“) zur Kernthese machte und damit ein Buch (Hanser, 2013) schrieb, das nun seinerseits die Vielzahl der Bücher über Goethe überstrahlt. Goethe war auch mal krank und hatte oft Liebeskummer, aber eigentlich ging es ihm immer gut. Dramatische Abstürze, trotzige Alleingänge, verzweifeltes Ringen um Literatur  so etwas hatte der Dichterfürst, der auch mal als Minister für Bergbau und Landwirtschaft zuständig war, einfach nicht zu bieten, ihm fiel alles zu. Das klingt ein wenig langweilig und macht misstrauisch, ,,wir tun uns schwer mit Gelungenheit“, so Safranski.

In seinem ebenso bedächtigen wie kurzweiligen, von Lünebuch veranstalteten Vortrag umriss Safranski das Leben eines vielbeschäftigten Genies, das seiner überbordenden Kreativität kaum Herr wurde und einen Berg von Textfragmenten zu ordnen versuchte. So etwas braucht Zeit, und deshalb ging er Widerstand, den er als unproduktiv oder vielleicht einfach nur als lästig empfand, gern aus dem Weg. Goethe hatte, so Safranski, ,,keine Lust, seine Zeit mit Kritikern zu verschwenden“.