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Margarete von Schwarzkopf stellt vor: Håkan Nesser (links), Bestsellerautor aus Schweden, und seine deutsche Stimme Dietmar Bär. Foto: t&w
Margarete von Schwarzkopf stellt vor: Håkan Nesser (links), Bestsellerautor aus Schweden, und seine deutsche Stimme Dietmar Bär. Foto: t&w

Alles kann auch ganz anders sein

oc Lüneburg. Einen Aufkleber müsse man auf sein Buch kleben, meint Håkan Nesser: kein Krimi. Das ist „Himmel über London“ in der Tat nicht. Aber spannend ist der Roman, einen Showdown geradezu klassischer Art und Knappheit schreibt der Schwede, und er startet mit einem Agatha-Christie-Zitat, das leicht verkappt ist wie schon der Titel, der auf den Ort des Romans verweist, zugleich auf Nessers Liebe zum Wenders-Film „Himmel über Berlin“  in Berlin wird sein nächster Roman spielen.
Der 63-Jährige sitzt in der ausverkauften Lüneburger Ritterakademie, dorthin geladen hat ihn Lünebuch. Inhaber Jan Orthey freut sich, nach dem mit Stars gespickten Krimifestival erneut einen prominenten Autor präsentieren zu können. Håkan Nessers Krimis und Romane rotieren in der Welt, sie werden in Film übertragen, laufen als Hörbücher.
Deren deutscher Sprecher Dietmar Bär, sonst als „Tatort“-Kommissar Freddy Schenk und auf Theaterbühnen aktiv, reist zurzeit mit Nesser durchs Land. Zwischen ihnen sorgt Moderatorin Margarete von Schwarzkopf dafür, dass bei aller guten Laune der Akteure und ihrem Spaß am Frotzeln das Buch und seine Hintergründe nicht zu kurz kommen.
Hintergründig ist der „Himmel über London“ mehrfach. Das beginnt mit der Geschichte von Leonard Vermin, der todkrank seinen 70. Geburtstag in London feiern will, der Stadt, die in seinem Leben am wichtigsten war. Seine Frau Maude, eine Therapeutin (wie Nessers Frau), ist natürlich geladen, dazu Maudes zwei  von Macken geplagte  Kinder aus erster Ehe, und erwartet werden noch zwei Gäste, die nur Vermin kennt. Keiner weiß um seine Pläne, nur, dass er ein dickes Erbe zu verteilen hat. Das ist der Plot.
„Es ist nur eine dünne Linie zwischen dem, was wir Realität nennen, und der Fiktion“, sagt Håkan Nesser. Sein Buch enthält weitere Bücher und Ebenen. „Das gelbe Notizbuch“ führt zurück in Leonards frühe Londoner Jahre, in der er Ende der 60er an Carla, die Liebe seines Lebens, gerät und in eine Spionagegeschichte. London, das war auch für Nesser in jungen Jahren wie eine Befreiung aus der schwedischen Provinz.
Nimmt man einmal den Schutzumschlag des in Schweden schon 2011 erschienenen Romans ab, liest man auf dem Hardcover einen anderen Autor und einen anderen Titel, und im Roman wird ein Buch auftauchen, das alles weiß, was geschieht. Nesser verwirrt seine Akteure und seine Leser, zieht sie ins Surreale, ohne der Geschichte den Sog, die Spannng zu rauben. „Ein Buch, das man mehrmals lesen mag, es gibt so viel darin zu entdecken“, sagt Margarete von Schwarzkopf.
Es gibt Lesungen, bei denen ist am Ende so viel verraten, dass eine komplette Lektüre verzichtbar erscheint. Das geht beim „Himmel über London“ nicht, der Roman hat zu viele Schichten. Das, was Nesser auf Schwedisch, Bär auf Deutsch lesen, weckt Neugier, und die Schlange derer, die sich nach der Lesung zum Signieren anstellen, streckt den Abend gewaltig in die Länge.