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Die Restauratorin Ada Hinkel, spezialisiert auf Textilarbeiten, begutachtet das Altartuch, das Mitte des 14. Jahrhunderts für das Heiligenthaler Kloster gefertigt wurde. Foto: ff
Die Restauratorin Ada Hinkel, spezialisiert auf Textilarbeiten, begutachtet das Altartuch, das Mitte des 14. Jahrhunderts für das Heiligenthaler Kloster gefertigt wurde. Foto: ff

Bilder erzählen vom Leben Jesu

ff Lüneburg. Die Anfänge liegen im Dunkeln. Wer zwischen 1350 und 1380 die prächtige Decke mit den 38 Szenen aus dem Leben  und Sterben  Jesu schuf, die den Altar des Klosters Heiligenthal schmückte, wird sich nicht mehr rekonstruieren lassen. Vielleicht hat das viereinhalb Meter lange Tuch sogar als Ersatz des Altars selbst gedient, denn eigentlich ist das Tuch als Tischdecke viel zu aufwendig gefertigt. Fest steht: Es ist in Niedersachsen einmalig in seiner Art und soll im Lüneburger Museum künftig einen zentralen Platz finden. Im Kloster Lüne wird das gute Stück nun restauriert.

Die Bilder, mit Seidenfaden auf Leinentuch gestickt, sind im Wesentlichen vollständig. Wo sich die Seide zersetzt hat, sind noch die Striche der Vorzeichnung zu erkennen, die entweder mit Graphit oder mit Beinschwarz (verkohlte Knochensubstanz) ausgeführt wurden. Die Gewänder der Figuren sind zum Teil noch gut erhalten, die Gesichter fast nur noch leere Flächen. Unter dem Mikroskop ließen sich aber noch Hinweise finden, dass die unbekannten Künstler/innen blaue und grüne Augen eingesetzt haben. Neben Jesus, seinen Mitstreitern und Gegnern ist auch der gehörnte Teufel noch auszumachen  aber fast völlig verblasst.

Gut drei Monate wird die Hamburger Restauratorin Ada Hinkel daran arbeiten. Zunächst hat sie die fast fünfeinhalb Quadratmeter messende Bildfläche genau studiert, die Szenen identifiziert und nummeriert. Der Reigen führt von der Verkündigung Marias (1) und der Geburt Christi (2) über verschiedene Kreuzigungsszenen und das Mahl in Emmaus (33) bis zur Himmelfahrt (35) und dem Weltengericht (38).

Nach der Auflösung des Klosters Heiligenthal gelangte die Altardecke in das Lüneburger Hospital zum Graal, von dort über das Heiligen-Geist-Stift Ende des 19. Jahrhunderts ins Museum. Hier wurden die Fragmente des mittlerweile zerschnittenen und neu zusammengesetzten Tuches in den 1960er-Jahren in den ursprünglichen Zusammenhang gebracht und auf ein weiteres Tuch genäht. „Das würde man heute nicht mehr so machen“, sagt Museumsdirektorin Dr. Heike Düselder. Tatsächlich will Ada Hinkel die Fragmente reinigen, von der Unterlage lösen und die ausgefransten Kanten sichern  aber nichts hinzufügen.

Die Restaurierungswerkstatt im Kloster Lüne, vor 18 Jahren eingerichtet, gehört zur Klosterkammer Hannover. Sie ist zuständig für die Textil-Kostbarkeiten von 15 Klöstern bzw. Stiften. Das Altartuch-Projekt ist mit insgesamt 30000 Euro veranschlagt, dazu gehört auch eine Filmdokumentation, die später im Museum als Endlosschleife gezeigt werden soll. VGH-Stiftung, Lüneburger Landschaft und die Museumsstiftung bringen das Geld gemeinsam auf. „Ohne die Neuordnung der Museumslandschaft“, so Dr. Rolf Johannes, Vorsitzender des Museumsvereins, „wäre das Projekt so nicht denkbar gewesen.“ Im Museum sollen dann anhand des Altartuches die Themen Restaurierung und Forschung visualisiert werden. Die Detailfülle der Ikonographie irritiert die Kunsthistoriker, bei einer Verwendung als Altartuch hätte nur der Priester die Bildfolge wirklich lesen können. Dr. Heike Düselder: „Es bleibt eine Reihe von Fragen offen.“