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Keine Preisverleihung ohne Blumensträuße; von links: Dirk Behrens, Hawoli, Monika Jarecka, Dirk Meinzer und Maria Mathieu. Foto: t&w
Keine Preisverleihung ohne Blumensträuße; von links: Dirk Behrens, Hawoli, Monika Jarecka, Dirk Meinzer und Maria Mathieu. Foto: t&w

Jeder Schritt wird ein Strich

ff Lüneburg. Für Immanuel Kant war Leidenschaft eine „Krankheit des Gemüts“, und mit ihrer philosophisch untermauerten Unlust steht die Spaßbremse aus Königsberg nicht allein. Forschung und Wissenschaft sind, das liegt in der Natur der Sache, geprägt von Rationalität, Objektivität und kühler Distanz. Um so mehr rücken die Disziplinen der Kunst in den Mittelpunkt, um Emotionen in Formen zu gießen, dem Affekt Ausdruck zu verschaffen. „Kunst und Leidenschaft“ lautet das Thema des Wettbewerbs um den vierten Daniel Frese Preis, der jetzt in der Regie des Innovations-Inkubators (KIM) der Leuphana Universität verliehen wurde.

,,In den beiden Weltkriegen tauchte Leidenschaft in der Rhetorik am häufigsten auf“, so KIM-Projektleiter Dr. Christoph Behnke. Die moderne Wissenschaft vermisst die menschliche Impulsivität, was wiederum Künstler interessiert. Ein höchst komplexer, wechselseitiger Prozess, entsprechend vielseitig sind auch die Arbeiten ausgefallen, von denen sich die Jury hat überzeugen lassen. Teilnehmen konnten Kandidaten aus der „Großregion Lüneburg“, die elf Landkreise umfasst.
Den Hauptpreis (3000 Euro) erhielt Dirk Meinzer aus Deinste für sein Projekt „Eros und die Bienen“. Geplant ist ein tableau vivant (lebendiges Bild), auf dem unzählige, wie Blumenblüten angeordnete Bienenflügel mittels phosphoreszierender Stoffe Leuchtkraft entfalten. Die Jury würdigte die Verbindung natürlicher Materialien mit abstrakter Malerei, das Spannungsfeld zwischen Begehren und Abscheu, Pathos und Kitsch, einhergehend mit der Reflektion der eigenen Leidenschaftlichkeit des Künstlers.

Monika Jarecka (Buchholz) gewann den Nachwuchs-Preis (ebenfalls 3000 Euro) für den Entwurf einer Performance. Jarecka will in regelmäßigen Zyklen Wände bemalen und das Ergebnis wieder auslöschen. Auf diese Weise mache sie „die oftmals sisyphoshafte Energie künstlerischer Arbeit sichtbar“.

Zum Frese Preis gehören außerdem drei undotierte Auszeichnungen. Maria Mathieu (Sottrum) war in 40 Tagen 860 Kilometer von Marseilles nach Lourdes gewandert, jeder einzelne Schritt findet sich nun als Strich auf ihrer Arbeit „Wie lang ist ein Weg No 3“ wieder. „Die zeichnende Hand wird zur Analogie für den wandernden Körper“, so der Berliner Kunst-Professor Dr. Stefan Römer, der im Huldigungssaal des Lüneburger Rathauses die Gewinner und ihre Arbeiten vorstellte.
Dirk Behrens wurde für einen Entwurf gewürdigt, der dem mächtigen Begriff Leidenschaft eine Serie von vier Miniaturen mit Szenen aus dem Alltag gegenüberstellt das kleine Format unterbindet alle dramatischen Gesten. Die Preisvergabe führte auch zu einem Wiedersehen mit einem gebürtigen Bleckeder: Hawoli (heute Neuenkirchen) hatte eine neunteilige Schwarzweiß-Fotoserie eingereicht, sie zeigt das geschickt choreographierte Herannahen von Hawolis Ehefrau Gesa.

Die beiden Hauptgewinner können nun im Mai ihre Projekte in der Lüneburger Halle für Kunst realisieren. Deren Leiterinnen Valérie Knoll und Stefanie Kleefeld griffen das Thema des Abends auf und verwiesen nachdrücklich darauf, dass der Kunstverein neben der Leidenschaft für die Sache auch die Ökonomie berücksichtigen müsse.

Noch einmal das Thema Geld: Die vierte Preisverleihung im Namen des Lüneburger Malers Daniel Frese (1540-1611) war als KIM-Projekt die letzte. Oberbürgermeister Ulrich Mädge: Wir werden uns zusammensetzen, vielleicht kann der Preis in anderem Rahmen weitergeführt werden.“