Dienstag , 27. September 2016
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Pavel Popolski, wie er singt und trommelt, im Hintergrund der trubste Tasse von der ganze Familie. Am 9. März sind sie im Vamos. Foto: A/be
Pavel Popolski, wie er singt und trommelt, im Hintergrund der trubste Tasse von der ganze Familie. Am 9. März sind sie im Vamos. Foto: A/be

Ein Wodka mit Pavel

oc Hamburg. Dorota hat die roten Pumps abgestreift. Pavels froschgrüner Anzug schlägt bedenklich Falten, und sein Schnurrbart ist – „vom vielen Quasseln“ – abgefallen. Auf dem Tisch türmen sich Piroggen, kaltes Kraut, Fischfilets, und natürlich steht eine Flasche Wodka da, bei den Wassergläsern. Die Wände im Kuchnia auf dem Hamburger Kiez sind gekachelt, vom Tresen hängt Geklöppeltes, die Wodkapreise werden noch mit der Hand geschrieben, und Licht tröpfelt aus trüben Funzeln in die Wodka-Bar. Cooler kann kein Ort sein für den Pressetag, um die neue, die letzte Tour der Familie Popolski zu bewerben. Sie startet im März, führt in die großen und kleinen Hallen der Republik, auch am 9. März ins Lüneburger Vamos, tags zuvor in die Hamburger Sporthalle.

Der Familie Popolski, das ist die Comedy-Polka-Rock-Show, für die Dorota Popolski alias Iva Buric Zalac und Pavel Popolski alias Achim Hagemann an diesem Tag trommeln. Hagemann ist der Drummer, der Moderator und der Kopf der Truppe, die eine im Kern wahrhaft einfache Geschichte pflegt: Dieter Bohlen hat in Polen alle seine Hits gestohlen, nämlich von Opa Popolski. So in etwa. Seit gut zehn Jahren jedenfalls ist der Popolski-Clan nun unterwegs, um klarzumachen, dass die Popmusik in Zabrze (sprich Djschabrzjßsdschje) erfunden wurde und – bei klarem Wodka betrachtet – eigentlich aus Polka besteht. Dafür werden auf der Bühne kräftig Klischees gebraten. „Im Grunde ist es aber eine polenfreundliche Comedy“, sagt Hagemann. „Natürlich benutzen wir Klischees wie das vom Wodka und vom Pullunder, aber das Klischee vom Klauen drehen wir ja um.“ Die Polen nehmen´s locker, sie machen bis zu zwanzig Prozent im Publikum aus, und „die polnischen Journalisten berichten sehr positiv über uns.“

Aber nach gut zehn Jahren ist die Pulle leer. Bis zu 120 Konzerte spielte Der Familie Popolski Jahr um Jahr, „wir sind mit Technikern mit bis zu 18 Leuten unterwegs, da geht es zu wie bei einem permanenten Klassentreffen“, sagt Hagemann. Das verbraucht viel Energie (und Wodka?). Hagemann ist der Mann, der mit Hape Kerkeling zur Schule ging und ihm – nicht nur – die legendäre „Hurz“-Nummer schrieb, die Parodie auf die Musik der Avantgarde. „Ich war damals während des Studiums in einem Ensemble Neue Musik“, erinnert sich Hagemann. „Es ist lustig, dass es ein Klassiker geworden ist, die Redaktion sah es sehr skeptisch, meinte, das würden nur Insider verstehen.“

Die Popolskis starteten auch als Insider-Tipp, das erste Konzert war in Duisburg „oder war es Unna? Jedenfalls vor zwölf Leuten.“ Nach fünf Jahren kam das WDR-Fernsehen, schnell wurde die Show Kult – mit oder ohne Wodka-Pause nach 20 Minuten Konzert. Der letzte Schluck wird am 6. April in Erlangen genommen.

Nun also ein „Best of“ zum Abschied. „Wir haben die Höhepunkte aus fünf Programmen versammelt“, sagt Hagemann, „und packen ein paar brandneue Nummern dazu. Besonders freue ich mich, auf das meistunterschätzte Instrument der Popgeschichte hinweisen zu können: die Kesselpauke.“ Aha! „Smoke On The Water“ sei für Kesselpauke geschrieben, beharrt Pavel/Achim, auch „Whole Lotta Polka“ von AC/DC. Wird schon stimmen, die Wodkaflasche auf dem Holztisch ist auch nicht mehr wirklich voll.

Abschiedstourneen sind so eine Sache in der Rockmusikwelt. Die Scorpions, um ein Beispiel zu nennen, sind seit gefühlt zwanzig Jahren auf Abschiedstour. „Ja“, sagt das Popolski-Oberhaupt, „das ist ein gutes Prinzip. Ich war zum Beispiel 1984 auf der letzten Tournee der Rolling Stones.“ Die sind im kommenden März auch auf Tour, wie die Popolskis, nur in Australien. Das lässt also hoffen, vorläufig aber verspricht Hagemann lediglich für den Herbst ein Buch zur Popolski-Geschichte, „da hat sich viel angesammelt.“

Ob im Buch ein „die“ und „das“ vorkommen wird? Auf der Bühne zumindest kennt Pavel Popolski nur den maskulinen Artikel „der“ – „Da geht der Post ab durch der Decke“. Das habe sich so ergeben, es sei ein frei erfundener Comedy-Akzent,: „Ich hab´ nur geguckt, was finden die Leute lustig.“ Für Dorota bzw. Iva, die aus Kroatien stammt, ist der Popolski-Dialekt ganz praktisch: „Ich freu‘ mich, ich kann auf der Bühne alle meine Fehler im Deutschen ausleben.“ Allerdings: „Vor der Popolski-Zeit war mein Deutsch besser.“ Sagt sie. Wer´s glaubt. Okay, genug für heute, ab zur U-Bahn, Mantel an – „tschüß“. Aber da wird der Achim doch noch mal zum Pavel: „Der Wodka!“ Es war ein doppelter. Mindestens.