Dienstag , 27. September 2016
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Elektromusik mundgemacht +++ Mit LZplay-Video

jae Lüneburg. In hohem Bogen fliegt das Sockenpaar in die Ecke. Ein zweites folgt. Marten Würfel und Marius Beyer sitzen auf dem Boden eines Yoga-Studios mitten im Lüneburger Wasserviertel und verknoten ihre Füße im Lotussitz. Yoga ist nur ein Hobby, das die Jungmusiker gemeinsam haben. Einige Stunden zuvor war an Sitzen gar nicht zu denken. Rund zwanzig Zuhörer waren am Vorabend zu einem Mini-Konzert von Aerodice gekommen, um zu hören, womit sich die beiden Freunde einen Namen gemacht haben: ihren Organic Beats.

Seit über vier Jahren machen die Lüneburger gemeinsam Musik und das ganz ohne Gesang, Gitarre oder Klavier. Denn bei ihnen ist alles mundgemacht: Marius Beyer spielt Didgeridoo, Marten Würfel mimt als menschliche Beatbox das Schlagzeug. „Alles, was wir da produzieren, wird vornehmlich mit dem Mund und komplexen Atemtechniken gemacht. Von der elektronischen Musik inspiriert, aber durch unsere Körper ausgedrückt, entsteht dabei etwas völlig Neuartiges“, sagt Marius Beyer.

Mit zwölf Jahren hielt der heute 31-Jährige sein erstes Didgeridoo in den Händen. Selbstgebaut, aus den Hercules-Stauden des heimischen Gartens. „Dieses Instrument hat mich so gefesselt, dass ich dabei geblieben bin und jetzt seit knapp 19 Jahren Didgeridoo spiele.“ Auch Marten Würfel entdeckte seine Leidenschaft für die Musik früh. Im Jugendzentrum seiner Heimatstadt Bad Segeberg sei er mit dem Hip Hop und dem Beatboxen in Berührung gekommen und bis heute dabeigeblieben.

Dass die beiden Musiker ein gutes Team sein würden, ahnten gemeinsame Freunde längst, als sie die studierten Umweltwissenschaftler 2009 einander vorstellten. In einer kleinen Gasse abseits des Frommestraßenfestes trafen mundgemachter Beat und ursprüngliche Melodie erstmals aufeinander. „In unserer heiteren Laune haben wir gedacht, das probieren wir mal aus. Am nächsten Tag hatten wir unseren ersten Auftritt“, erinnert sich Marten Würfel. Und es sollte nicht der einzige bleiben. Auftritte bei kleinen Hochzeiten und großen Techno-Partys, auf Festivals in Wales oder Israel folgten. Marius Beyer: „Dadurch, dass man uns in keine Schublade packen kann, passen wir überall rein.“

Den Boden haben sie inzwischen gegen eine kleine Couch eingetauscht, die verschränkten Beine sind geblieben. Was die größte Herausforderung für sie sei, will die Journalistin wissen. „Auf einen Nenner zu kommen“, sagt Marten Würfel und muss lachen. Sie seien ein bisschen wie ein altes Ehepaar, geben sie zu, aber in ihrer Musik höre man, dass sie sich im Großen und Ganzen gut verstehen, sowohl zwischenmenschlich als auch musikalisch.

Zwischen Intuition und Struktur das Gleichgewicht zu finden, sei das eigentlich Schwierige, sagt Marten Würfel. „Das, was wir machen, erfordert Struktur und Planung, aber gleichzeitig ist jedes Stück ein Unikat, weil wir jedes Mal ein bisschen freestylen.“ Wie 2009 beim Anti-Atom-Treck in Berlin, dem ersten Aerodice-Auftritt, bei dem das Publikum zu tanzen begann. Ein besonderer Moment für Marius Beyer: „Da ist für mich ein Lebenstraum in Erfüllung gegangen. Das hat mich unglaublich glücklich gemacht.“