Mittwoch , 28. September 2016
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Es ist nicht leicht, Gutes zu tun. Diese fünf Benefiz-Veranstalter lernen es gerade auf kuriose und schmerzliche Weise. Fott: theater/tamme
Es ist nicht leicht, Gutes zu tun. Diese fünf Benefiz-Veranstalter lernen es gerade auf kuriose und schmerzliche Weise. Fott: theater/tamme

Man muss irgendwie was tun

Von H.-M. Koch

Lüneburg. Die Eva und die Christine, der Leo, der Rainer und der Eckhard, die wollen etwas tun. Man muss doch irgendwie etwas tun gegen das Elend, etwas für die Kinder in Afrika. Die aufrechten Fünf wollen eine Schule bauen in Guinea-Bissau, da waren sie noch nie, aber sie haben Fotos. Und darum basteln sie jetzt an einer Benefiz-Gala, ganz persönlich, mit Informationen und mit – ja womit denn eigentlich und wie? Und wer? Da hat jeder so seine Ideen, und schon prasselt es Vorurteile, Tücken der Sprache und des Denkens, spreizen sich Eitelkeiten und schauen die Gutmenschen belämmert drein. Das macht betroffen, ist zugleich urkomisch und auch ein bisschen böse, was Ingrid Lausund in ihrem Schauspiel „Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner“ aufgeschrieben hat. Zu bedenken und genießen ist es jetzt im Theater Lüneburg.

Ingrid Lausund bewegt sich auf einer Spur, die zurzeit vor allem Yasmina Reza belegt. Sie führt mitten hinein in die gutbürgerliche Gesellschaft, die heute von Grünen, Roten und Schwarzen gleichermaßen besetzt ist. Reza und hier Ingrid Lausund führen den Gesättigten dieser Erde ihre Defizite vor, mit Romanen und Theaterstücken ritzen sie kräftige Kratzer in die täglich polierten Hochglanzfassaden, Unbequemes wird dabei unterhaltsam verpackt. Das lockt an – und tut nicht wirklich weh.

Ein Abend also für eine Schule in Guinea-Bissau, das könnte das schlechte Gewissen besänftigen, könnte helfen, sich gut zu fühlen. Haben wir nicht alle irgendwo 1000 oder wenigstens 100 Euro, die wir nicht brauchen? Aber was macht man nun konkret? Soll man die schwarzhäutige Deutsche Valeria (Abi 1,8) einladen? Oder ist das nicht korrekt, wird das zum Vorführeffekt? Wie schockierend dürfen Bilder sein? Wer darf eine Spendenbereitschaft weckende Betroffenheitsträne abdrücken? Welcher Einzelfall soll vorgestellt werden: Ist ein Mädchen ohne Arme schlimmer dran als ein Junge ohne Eltern?

Die Fragen sind nicht neu, aber trotzdem gut. Antworten werden nicht geliefert. Da muss jeder für sich einen Weg finden. Regisseur Andreas Mach, Gast aus Mainz, und Bühnenbildnerin Barbara Bloch haben eine sinnige Lösung gefunden, um die Allgegenwart des Themas spürbar zu machen. Das Publikum sitzt auf und vor der Bühne, die Akteure sind mitten unter uns, hautnah, sie sprechen das Publikum auch an, beziehen es ein. Die Hilflosigkeit der Helfer entlädt sich in Stammeln und Witzeleien, in Ratlosigkeit und Wutausbrüchen. Es ist nicht leicht, gut und korrekt zu sein.

Das Stück besticht durch genaue Beobachtung des Milieus und wunderbar absurde Ausbrüche, ihm fehlt aber der dramatische Bogen. Andreas Mach kitzelt aus den Akteuren und ihren scharf profilierten Typen eine Menge Spiellust und Leidenschaft heraus. Kerstin Schulte Tockhaus ist Eva, die vom Überschwang mitgerissene Moralische mit Rastazöpfen und Folklorekleidern; die will so korrekt sein, dass es kaum auszuhalten ist. Beate Weidenhammer spielt die Christine als kühle Mondäne, ein bisschen Star, ein bisschen von der Leyen, eisern kontrolliert und ebenso dünnhäutig; dass die kühle Christine mit Yogakopfständen entspannt, baut Weidenhammer nebenbei ein. Gregor Müllers Leo ist der Lässige, der‘s locker nehmen will, Philip Richert spielt den Rainer als Sprüche klopfenden Geschäftstypen und Martin Skoda den gottbewegten Eckhard, der leicht ins Predigen und Eifern verfällt.

Alle Fünf kommen bei der Probe zum Benefizabend in die Krise, alle machen weiter, denn man muss ja irgendwie was machen gegen das Elend, da unten in Afrika. Das Lachen über das Unkorrekte in der Sprache und wie es sich ins Denken schleicht, überträgt sich sofort aufs Publikum, das von den Akteuren kurzerhand zum probenverantwortungsbewussten Weltbürgertum erklärt wird. Am Ende der rund 90 Minuten, von denen ein paar auch etwas länger als 60 Sekunden zu dauern scheinen, gibt es begeisterten Beifall – und im Foyer steht die ganz reale Spendenbox, denn das Theater und die Raabe-Schule und das Publikum, wir alle, wir müssen ja irgendetwas tun.