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Der Herr Ministerialdirigent (Heiner Junghans, Mi.) hat seinen Autoabsturz überlebt. Ob sie das so gut finden, fragen sich die Absturzunternehmer Anton (Fabian Kloiber, li.) und Rudolf (Thorsten Dara). Foto: theater/tamme
Der Herr Ministerialdirigent (Heiner Junghans, Mi.) hat seinen Autoabsturz überlebt. Ob sie das so gut finden, fragen sich die Absturzunternehmer Anton (Fabian Kloiber, li.) und Rudolf (Thorsten Dara). Foto: theater/tamme

Mord oder Moral?

Von H.-M. Koch

Lüneburg. Der Schrauber Rudolf und der Schreiber Anton leben in beschaulicher Gegend. In der Ferne winken beschneite Gipfel, Zäune gegen Lawine und Steinschlag begrenzen ihr kleines Reich, und über ihnen am Felsen ringelt sich eine selten befahrene Straße. Kurvt mal ein Auto um die Ecke, blendet meist die Sonne den Fahrer, was zu bisher 24 Abstürzen, Gräbern und einträglichen Autogeschäften geführt hat. Auch zu 24 Eingaben ans Ministerium. Jetzt reibt sich Rudolf die Hände, rauft sich Anton das Haar: Es naht wieder ein Wagen. Doch in Tankred Dorsts Farce „Die Kurve“ läuft beim 25. Fall einiges anders. Im T.NT des Theaters Lüneburg hatte das Stück jetzt Premiere.

Matthias Herrmann, als Schauspieler zurzeit in „Der Tod und das Mädchen“ zu sehen, bringt als Regisseur immer wieder Überraschendes auf die Bühne. Seine „Stan & Ollie“-Revue lief so gut, dass sie ab 26. März noch viermal zu sehen sein wird, als Gastspiel in der Musikschule. Nun meistert Herrmann „Die Kurve“, frühes Stück eines großen Dramatikers. Tankred Dorst entwirft ein absurdes Spiel:

Während Rudolf die Autos zu Geld macht, begräbt Anton die toten Fahrer, pflanzt Blumen, schreibt seelenvolle Leichenreden und außerdem Eingaben ans Ministerium wegen der gefährlichen Straße. Der 25. Fahrer aber, der den Brüdern ins Gelände segelt, ist nicht wirklich tot und entpuppt sich als der Minsterialdirigent, an den Rudolf stets geschrieben hat. Der Mann hat nun erfahren, warum die Kurve dringend entschärft werden muss. Ein Ende der Unfälle allerdings bedroht das Lebenskonstrukt der Brüder, sie haben die Wahl: Mord oder Moral? Moral muss man sich leisten können. Oder?

Simone Anton-Bünting hat die Bühne mit kleinen Signalen  die Gipfel, die Blumen  in Pop-Art-Manier eingerichtet. Matthias Herrmann achtet darauf, dass die Farce ins Rollen kommt, das Tempo stimmt, und er hat drei ausgezeichnete „Mitfahrer“. Thorsten Dara erscheint im ölverschmierten Overall und spielt den handlungsstarken, doch gedankenarmen Rudolf prall und direkt  eine bauernschlaue Type. Fabian Kloiber zeichnet den Anton als fahrigen Poeten, der sich in eine eigene Welt eingesponnen hat, der ein guter Mensch sein will, auf Veränderung hofft, sie aber denn doch vor allem fürchtet  ein schräger Vogel. Das Groteske auf die Spitze treibt Heiner Junghans, der eine smarte Leiche abgibt, die wundersam, geradezu artistisch aufersteht und sich als eitler Fatzke entpuppt, das wird mit witzigen, kleinen Nuancen ausgereizt.

Nach 70 Minuten ist alles vorbei. Das Publikum spendet für dieses charmante und böse Stück Theater langen Applaus.