Aktuell
Home | Kultur Lokal | Roadmovie mit Lehrling Röhrs
Der Lüneburger Martin Lechner lebt und arbeitet als Autor in Berlin, er legt jetzt seinen ersten Roman vor. Foto: nh
Der Lüneburger Martin Lechner lebt und arbeitet als Autor in Berlin, er legt jetzt seinen ersten Roman vor. Foto: nh

Roadmovie mit Lehrling Röhrs

ff Lüneburg. Georg Röhrs rennt. Zwischen Niedergellersen und Linderstedt hat er sich ins Gebüsch geschlagen, einen Koffer in der Hand. Zweige zerren an der Kleidung, der Matsch lässt ihn straucheln, die Eile muss mit dem Gepäck zusammenhängen. Georg ist kaufmännischer Lehrling in einem Eisenwarenhandel, er hat unbeabsichtigt den Schwarzgeldkoffer seines Meisters Oskar Spick geklaut und nun offensichtlich ein Problem. „Kleine Kassa“ heißt der Debütroman von Martin Lechner, ein schräges Roadmovie kreuz und quer durch eine vertraute Gegend.

Lechner legt ordentlich Tempo vor. Röhrs würde gern mit seiner verschwundenen Jugendliebe Marlies in einem Hotel am Meer arbeiten. Jetzt aber stolpert er bei seinem Gerenne durch Feld und Flur über die Leiche eines Jungen, stößt mit dem Kopf gegen eine Wurzel, fällt in Ohnmacht, wird von einem Mofa-fahrenden Waldschrat aufgegriffen, schnappt sich dessen Untersatz, türmt erneut, landet in einem Land­­gasthaus, wo man dem abgerissenen, blutenden Gast verständlicherweise mit einigem Argwohn begegnet. Die Kellnerin Nora allerdings, Tochter des Gastwirts, lotst ihn umgehend in ihr Schlafzimmer. Nora ist auch ein bisschen seltsam drauf, sie zerkratzt sich nachts im Schlaf den Bauch und besitzt eine Pistole. Das alles macht die Lage für Georg Röhrs, der statt in ihr Bett in ihre Badewanne steigt, nicht übersichtlicher.

Für den Leser auch nicht. Er muss sich erst einmal einfinden in die leicht verzerrten Welten des Lehrlings (der Begriff Azubi ist irgendwie fehl am Platz), der in kurzer Zeit aus seinem vertrauten Dasein kippt, Eltern, Freunde und Job verliert, das Zuhause sowieso. Es ist ein Spiel mit Wahn und Wahrnehmung. Wird Röhrs verfolgt, oder ist er paranoid? Der Roman enthält Elemente von Horror und schwarzem Humor. „Ich wollte den Krimi-Effekt vermeiden, dass die Erzählung am Ende ausgelesen, alles erklärt und aufgelöst ist“, so Lechner. So behalten die Akteure auch mal einige Geheimnisse für sich. „Aber natürlich sollte der Roman für den Leser auch nicht unnötig anstrengend verrätselt werden.“

Dafür fällt dem Lüneburger Leser die räumliche Orientierung leicht. „Kleine Kassa“ (Residenz Verlag, Salzburg/Wien, 2014, 264 Seiten, 22,90 Euro) spielt also vor allem in der Stadt Linderstedt, die, so Martin Lechner, „wie ein Paralleluniversum von Lüneburg wirkt  mit Sande, Stint, Ochsenmarkt und dergleichen mehr.“ Die geschilderten lokalen Medien seien dagegen ohne Vorbild.

Martin Lechner, Jahrgang 1974, wuchs in Lüneburg auf, ging erst zur Christiani- und dann zur Wilhelm-Raabe-Schule, war Zivi im LKH und studierte in Potsdam Literatur und Philosophie. Er lebt heute in Berlin. Hier schreibt er für Literaturzeitschriften und veröffentlicht Kurzgeschichten, 2006 erhielt er das Alfred-Döblin-Literaturstipendium.