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Leon de Winter, gut gelaunt im Glockenhaus. Er stellte seinen aktuellen Roman Ein gutes Herz vor. Foto: t&w
Leon de Winter, gut gelaunt im Glockenhaus. Er stellte seinen aktuellen Roman Ein gutes Herz vor. Foto: t&w

Eine Frage der Perspektive

oc Lüneburg. Einen Mainstream-Thriller wollte er schreiben, mit Terroristen, die in Amsterdam zuschlagen. „Das ist mir gründlich misslungen“, sagt Leon de Winter und sieht dabei sehr zufrieden aus. Die jungen Terroristen schlagen durchaus und grausam zu in de Winters Roman „Ein gutes Herz“. Aber das ist eben nur ein Erzählfaden von vielen in dem gründlich verwobenen Roman. „Man könnte fünf Romane aus diesem Buch machen“, sagt Annemarie Stoltenberg, die den Autor zum Auftakt der „Grenzenlos“-Reihe im Glockenhaus vorstellt und nicht viel zu tun bekommt, denn de Winter macht das schon selbst  ausführlich, auskunftsfreudig und trotz ernster Themen mit viel Humor.

Leon de Winter wird am kommenden Mittwoch 60 Jahre alt, er verbindet wie wenige Autoren Zeitkritik und tragikomische Figuren in flüssig daherkommenden Romanen  „easy reading is hard writing“, sagt er. Seine Eltern waren orthodox-jüdisch, überlebten den Faschismus in einem Versteck. Dieser Hintergrund ist wichtig, um de Winter zu verstehen. Er fordert als jüdischstämmiger Autor das Recht ein, gegen den radikalen Islam aufzustehen und Terrorismus als solchen zu benennen; bei dem Thema schweigen viele Schriftsteller gern.

Gleichzeitig wurde de Winter von einem der schärfsten Islamkritiker der Niederlande, dem Filmemacher und leidenschaftlichen Provokateur Theo van Gogh, brutalstmöglich öffentlich attackiert. In den Niederlanden wurde „Ein gutes Herz“ deshalb zur Sensation, denn de Winter lässt in dem Roman den 2004 von einem Islamisten ermordeten van Gogh zu einem Schutzengel werden. Der Intimfeind mutiert ins Positive, so fein kann Rache nur ein Autor betreiben/beschreiben.

Es kommen weitere Persönlichkeiten in dem Roman vor, auch der Autor selbst und seine Frau, die Schriftstellerin Jessica Durlacher. Im Roman, nicht im Leben, sind sie geschieden. Laufend treibt de Winter ein ebenso verwirrendes wie oft vergnügliches Spiel in seinem Roman, der vor allem eines zeigt: Was gut ist und was schlecht, wer ein guter Mensch ist und wer nicht, wer moralisch richtig handelt und wer nicht, das ist eine Frage der Perspektive und allzu oft alles andere als eindeutig.

Eine typische de-Winter-Frage, die er mit seiner Moderatorin erörtert: Kann ein Bösewicht, der ein neues Herz bekommt, ein guter Mensch werden? Der reiche Schuft Max Kohn jedenfalls erhält das titelgebende Herz, was zu einem weiteren Strang der Geschichte führt, der mit den anderen von de Winter kunstvoll, amüsant und spannend zusammengeflochten wird. Trotzdem ist „Ein gutes Herz“, erschienen bei Diogenes, nicht unbedingt de Winters bester Roman. Zu spürbar wird die Arbeitsweise, über die de Winter im sehr gut besuchten Glockenhaus auch spricht. Er plane seine Bücher wie ein Architekt, „ich muss präzise wissen, wohin es geht“, sagt er. Diesmal aber bleibt die Konstruktion, das Gerüst, das Skelett, wie immer man es nennen will, doch sehr spürbar.

Leon de Winter, der mit Büchern wie „Malibu“ und „Das Recht auf Rückkehr“ international Erfolge feierte, fiebert nun dem 8. Mai entgegen. Dann wird in Amsterdam „Anne“ aufgeführt, ein Theaterstück, das er mit Jessica Durlacher nach den Tagebüchern von Anne Frank schrieb. Würdigen wollen sie mit dem Stück auch die, so de Winter, erstaunliche schrifstellerische Qualität des Mädchens, das Anfang März 1945 im KZ Bergen-Belsen Opfer des Nazi-Terrors wurde. Im Glockenhaus überlegte de Winter, ob er es zwischen anstehenden Leseterminen schafft, die Gedenkstätte zu besuchen, in der Anne Frank in einem Massengrab bestattet ist. Ein Gedenkstein erinnert an sie und ihre zwei Jahre ältere Schwester Margot, die ebenfalls in Bergen-Belsen umkam.