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Regie en detail: Thomas Ney und Jaqueline Buhk begutachten den Entwurf für ein Kastanienmännchen. Foto: ff
Regie en detail: Thomas Ney und Jaqueline Buhk begutachten den Entwurf für ein Kastanienmännchen. Foto: ff

Eltern setzen zum Dolchstoß an

ff Lüneburg. Elternabend  das klingt ungefähr so reizvoll wie: Darmspiegelung. Keiner geht gern hin. Heute Abend aber muss es sein. Denn Frau Müller, Klassenlehrerin der 4b, ist nicht mehr tragbar. Bei ihr geht es drunter und drüber, die Kinder lernen nichts, verlieren den Anschluss, womöglich ist am Ende der Wechsel aufs Gymnasium gefährdet. Fest steht: „Frau Müller muss weg“. So heißt das Drama von Lutz Hübner, das heute im e.novum-Theater Premiere feiert.
Die Eltern sind also wild entschlossen, die arme Frau Müller abzusägen, weil sie mit den Gören offensichtlich überfordert ist. Das soll lustig sein? Auch Regisseur Thomas Ney dachte zuerst an eine ernste Angelegenheit, als er gemeinsam mit Theaterchefin Margit Weihe nach einem Stück für das Erwachsenen-Ensemble I suchte. „Dann habe ich bei Youtube reingeschaut und erkannt, dass es eine Komödie ist.“ Bei den Proben wurde Schale um Schale der grotesk-tragikomische Kern der Geschichte freigelegt.
Fest steht auch: Das Thema erreicht viele Menschen, im Grunde wohl so ziemlich alle Lehrer und Eltern. Nach Goethe und Schiller ist Lutz Hübner, Jahrgang 1964, der meistgespielte Dramatiker auf deutschen Bühnen, der erfolgreichste unter den Zeitgenossen sowieso, und ,,Frau Müller“, 2010 uraufgeführt, ist gerade die meistgespielte Komödie. Der Lüneburger Schauspieler Thomas Ney, übrigens selbst Vater eines Viertklässlers, hat im e.novum die „Toscana-Therapie“ inszeniert, danach zwei Loriot-Programme auf die Bühne gebracht. Unterstützt von seiner Regie-Assistentin, der Kuwi-Studentin Jaqueline Buhk, hetzt er nun die Erziehungsberechtigten nach Kräften aufeinander.
Die Figuren werden ein wenig zu Karikaturen überhöht, grundsätzlich aber geht es zu wie im richtigen Grundschulleben. Pädagogen, die grundsätzlich Mütter und Väter als lästigen Störfaktor begreifen, aber nicht in der Lage sind, die kleinen Nervensägen mit ihrer Rechtschreibschwäche als gelangweilte Hochbegabte zu erkennen  da kann die Parole nur heißen: keine Gnade, keine Gefangenen.
Gespielt wird in Realzeit, das Match dauert anderthalb Stunden (ohne Pause), alle gegen eine, kein unnötiges Fairplay. Natürlich hocken die Darsteller wie beim richtigen Elternabend auf den kleinen Kinderstühlchen und sehen damit ein bisschen blöde aus. Dafür schießen sie um so schärfer. Eine Bühne gibt es nicht, das Publikum sitzt gewissermaßen mit im Klassenzimmer.
Die Premiere heute beginnt um 20 Uhr, es gibt noch ein paar Restkarten.