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Dr. Steffi Hobuß führte durch den Abend, Gerd Ruge schilderte Stationen seines sechs Jahrzehnte umfassenden Berufslebens. Foto t & w
Dr. Steffi Hobuß führte durch den Abend, Gerd Ruge schilderte Stationen seines sechs Jahrzehnte umfassenden Berufslebens. Foto t & w

Roter Platz und Weißes Haus

ff Lüneburg. Lange Zeit stellten viele Praktikant(inn)en in der Redaktion der LZ vor allem die eine Frage: „Wie wird man Auslandskorrespondent?“ Das klassische Bild des Journalisten, der live, mit vom Wind zerzausten Haaren vor der Kamera über die neuesten Wendungen berichtet, im Hintergrund das Weiße Haus oder der Kreml  das hat in Deutschland wohl vor allem einer geprägt: Gerd Ruge. Im ausverkauften Vortragssaal der Musikschule Lüneburg erzählte der Journalist von der Kuba-Krise, von einem ma­cho­haften Polizeipräsidenten, einem cholerischen russischen Staatschef und einer Putzfrau, die mal eben eine mühsam recherchierte Reportage zerstörte.

Gerd Ruge, Jahrgang 1928, ist ein Pionier auf vielen Ebenen. Er begann seine journalistische Laufbahn beim NWDR, schnell wurde die Hörfunkreportage aus dem Ausland zum Schwerpunkt seiner Arbeit. Ab 1950 berichtete er als erster westdeutscher Journalist aus Jugoslawien. Ruge wurde 1956 der erste ARD-Korrespondent in Moskau, berichtete ab 1964 aus den USA, wechselte 1970 als Chef des WDR-Hauptstadtstudios nach Bonn. Später ging Ruge  unter anderem  nach Peking und erneut nach Moskau.

Nun hat Ruge das autobiographische Buch „Unterwegs. Politische Erinnerungen“ (Hanser Verlag, 2013) geschrieben. Dr. Steffi Hobuß moderierte den ersten Abend der Lüneburger Literatur-Reihe „Ausgewählt“, veranstaltet vom Literaturbüro. Auch Amnesty International Lüneburg saß als Veranstalter mit im Boot: Ruge hatte 1961 zusammen mit Felix Rexhausen und Carola Stern in Köln die deutsche ai-Sektion gegründet.

Natürlich steckt Ruge voller anekdotischer Erinnerungen. Da ist etwa der südkoreanische Polizeichef, der abends in der Bar die hübschesten Mädchen an seinen Tisch kommandierte, und die chinesische Putzfrau, die morgens gründlich aufräumte  auch die gelben Bänder aus dem Fernschreiber. Die hatte Gerd Ruge mit einem ausführlichen Feature zur Lage der Nation beschriftet. Dass Nikita Chruschtschow als Regierungschef der UdSSR in hitziger Rede vor den Vereinten Nationen mit einem Schuh auf das Pult schlug, kann Ruge nicht bestätigen  er habe aber gern mit beiden Fäusten auf die Platte gehämmert. Als es 1962 darum ging, die Kuba-Krise nicht zum Dritten Weltkrieg eskalieren zu lassen, zeigte Chruschtschow in geheimer Diplomatie offensichtlich bessere Nerven.

Es waren andere Zeiten, da wurden Nachrichten nicht in Sekundenschnelle rund um die Welt gezwitschert, da musste der Korrespondent noch stundenlang auf eine Telefonverbindung warten. Gerd Ruge berichtete mit klaren, unprätentiösen  und meistens leicht vernuschelten  Worten, er war nahe dran an den Mächtigen, erlebte ihre Macken und Methoden und stieß doch immer wieder auch an die Grenzen des Nachrichtengeschäfts. Eine von Ruges zentralen Erkenntnissen aus sechs Jahrzehnten Journalismus lautet: „Es ist alles nicht so einfach, wie es von den Regierungen erklärt wird.“ Gelogen und verbogen wird immer und überall. Diese Erfahrung machte er nicht nur im Ostblock, sondern auch mit den Amis im Zusammenhang mit dem Vietnam-Krieg oder etwa mit den Franzosen vor dem Hintergrund ihrer Kolonialpolitik.

„Die Wahrheit“, das ist ein kaum zu fassendes Gebilde. Das Lüneburger Publikum stellte große Fragen. Wie werden sich die Beziehungen zwischen den USA und China entwickeln? Was wird aus dem Freihandelsabkommen? Wohin marschiert Putin, was wird aus der Ukraine? Ruge antwortete mit der Vorsicht des professionellen Beobachters, der sich seiner Dis­tanz bewusst ist. Wer die ganze Welt gesehen hat, muss nicht automatisch die ganze Welt erklären können.