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In Lüneburg sammelte Bettina Steinbrügge Kunstvereins-Erfahrungen. Foto: Natasha Unkart
In Lüneburg sammelte Bettina Steinbrügge Kunstvereins-Erfahrungen. Foto: Natasha Unkart

Kunstvereine haben Zukunft

oc Hamburg. Wer sich in die Öffentlichkeit begibt, muss mit Zuschreibungen rechnen. „Eine Frau für die brennenden Fragen der Zeit“ stellt eine Hamburger Lokalzeitung vor, ein Stadtmagazin rühmt ihr Aussehen: ein bisschen „wie eine vornehme Florentinerin der Renaissance“. Bettina Steinbrügge muss sich auf einiges gefasst machen, nimmt sie doch nun eine Schlüsselposition in der Hamburger Kunstszene ein. Seit Januar ist sie, die wichtige Jahre in Lüneburgs Halle für Kunst erlebte, Direktorin des Hamburger Kunstvereins. Gestern Abend startete ihr Programm am Klosterwall mit einem Doppelschlag.

Vor den Fenstern ihres Büros pumpt die Straße pausenlos Autos ins Herz der City. An der Wand reihen sich Kunstkataloge, die hat ihr Vorgänger stehen lassen. Vielleicht auch die Schale voller Walnüsse mit Nussknacker und ermüdeten Äpfeln. Ein langes Sofa, ein runder Tisch und einer für Laptop und Telefon, alles eher nüchtern. Die Türen stehen offen, es brummt vorm und summt im Haus. Bettina Steinbrügge wirkt gelassen, bringt die ihr eigene Mischung von lässig und kompetent ins Gespräch. Besser Direktorin als Kuratorin, habe eine Freundin gesagt, und so verließ sie denn das Belvedere in Wien, wo sie junge österreichische Kunst kuratierte. „Wien war gut, aber das hier ist eine andere Herausforderung“, sagt die 43-Jährige.

Der Hamburger Kunstverein zählt zu den ältesten im Lande, 1817 wurde er zum Zweck der „mehrteiligen Mittheilung über bildende Kunst“ gegründet. An der Spitze des Vereins steht heute der Sammler Harald Falckenberg, der zugleich eng mit den Deichtorhallen verbunden ist. Interessant am Rande: 1930 wurde der in Zwickau wegen zu moderner Kunstauffassung geschasste Hildebrand Gurlitt Direktor des Kunstvereins. Als 1933 die Nazis die elfte Ausstellung der Hamburger Sezession schlossen, wurde der Vorstand des Kunstvereins ausgewechselt, Gurlitt entlassen. Er kam bekanntlich mit den Nazis schnell wieder ins Geschäft.

Sich zu arrangieren, ist nicht leicht, Bettina Steinbrügges Vorgänger Florian Waldvogel hatte keine Vertragsverlängerung bekommen. Nun ein Neustart, zum ersten Mal eine Frau als Direktorin. Bettina Steinbrügge weiß, wie Kunstvereine ticken, sie war von 2001 bis 2007 künstlerische Leiterin der Lüneburger Halle für Kunst.  „das hat viele Fundamente gelegt“, nun sei alles eben auf einer anderen Skala angelegt. Von Lüneburg ging sie nach Berlin, weiter nach Wien, wo sie im musealen Bereich arbeitete. Museen mögen in jüngerer Zeit Kunstvereinen einiges an Rang abgelaufen haben, sie öffnen sich neuen, jüngeren Ansätzen. „Ich glaube aber, dass Kunstvereine wieder wichtiger werden“, sagt Bettina Steinbrügge, „Museen arbeiten mehr mit Übersichten, etablierten Positionen.“ Kunstvereine sind agiler, wendiger, können überraschender sein. Man müsse Kunst heute auf mehreren Ebenen erleben können, meint Bettina Steinbrügge, das Emphatische und das Intellektuelle schließen sich nicht aus.

Ihr Start passt dazu. Im Obergeschoss hat Geoffrey Farmer eine gewaltige Installation aufgebaut, eine kinetische Oper, voll mit Skulpturen, die sich wandeln, mit einer aufwendigen, in Popfarben gebadeten Lichtinszenierung und einem Soundtrack, der an Frank Zappa andockt. Farmer, 1967 in Kanada geboren, documenta-Star 2012, baute einen Park der Assoziationen, in dem sich eine Menge Kunstgeschichte spiegelt und zugleich ihre Profanisierung. Die Installation „Let´s Make The Water Turn Black“ ist vieldeutig lesbar, sie zitiert Kollegen und besitzt, was der zeitgenössischen Kunst meist verdächtig ist, einiges an Humor. Diese aufwendige Arbeit kam nur über Kooperationen zustande, ein Partner ist das Züricher Migros Museum für Gegenwartskunst, das Heike Munder leitet; sie leitete vor Bettina Steinbrügge Lüneburgs Halle für Kunst. So viel Netzwerk muss sein. Das zur Leuphana ist auch wieder geknüpft, zum Beispiel auf Praktikantenebene.

Bettina Steinbrügge versteht den Kunstverein als sozialen Ort, sie strickt an Kooperationen, an Führungsprogrammen für junge Menschen. Darum mag es programmatisch sein, dass es unten im Kunstverein jetzt heißt: „Ich will wissen, wie Ihr wohnt“. Der Österreicher Bernhard Cella, sozusagen ein Wien-Mitbringsel, baute dort eine Art Atelier und wird Hamburger Künstler zum Arbeiten einladen. Die Ausstellungen laufen bis zum 11. Mai (Geoffrey Farmer) bzw. bis zum 25. Mai und öffnen dienstags bis sonntags von 12 bis 18 Uhr.