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Keine Macht für Niemand  Jan Plewka begeisterte mit seinem Rio-Reiser-Programm das Publikum. Foto t & w
Keine Macht für Niemand  Jan Plewka begeisterte mit seinem Rio-Reiser-Programm das Publikum. Foto t & w

Auf den Spuren von Rio Reiser

sel Bienenbüttel. Endlich! Nach gut anderthalb Stunden sprach Jan Plewka die erlösenden Worte: „Leute, räumt die Stühle an die Seite. Kommt nach vorne und tanzt.“ Auf das  bis dato überwiegend sitzende und gesetzte  Publikum wirkte diese Aufforderung wie eine Befreiung. Zu den Zugaben von Plewka und der Schwarz-Roten Heilsarmee wurde abgerockt, beinahe wie in den Siebzigern, als Rio Reiser skandierte: „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ und „Keine Macht für Niemand“.

Plewkas Abend auf Gut Bardenhagen war eine Huldigung an Rio Reiser, dem ersten deutschen Politrocker, der zunächst mit seiner Band Ton Steine Scherben und später als Solist Karriere machte, bevor er 1996 im Alter von 46 Jahren starb. Plewka und die bestens aufgelegte Band zeigten die vielschichtigen Facetten von Rio Reiser: vom kämpferischen Politrocker über den mahnenden Philosophen bis hin zum anrührenden Romantiker, der die Kraft der Liebe und des Miteinanders beschwor. Plewka ist Rio Reisers Alter Ego und tut gut daran, den Meister nicht zu kopieren.

Das hat der 43-jährige Sänger und Schauspieler dank seiner markanten, intensiven und leicht gebrochenen Stimme nun wirklich nicht nötig. Auf manch eine „inszenierte Spontanaktion“ könnte er somit getrost verzichten, etwa auf dramatische Rotlichteffekte, wenn er, fern von der Band, von der Empore schmettert. Nicht nur überflüssig, sondern beinahe peinlich mutete die sorgsam inszenierte „Spontanaktion“ mit einer jungen, langhaarigen Schönheit aus dem Publikum an, die Plewka mit auf die Bühne nahm, um dort  gemeinsam liegend  ein Liebeslied zu intonieren. Die schöne Maid hatte später einen weiteren Auftritt, überbrachte dem Künstler auf der Bühne ein Briefchen mit einem Musikwunsch, das erinnerte ein wenig an die ZDF-Hitparade.

Der Stimmung auf Gut Bardenhagen taten diese Showeinlagen keinen Abbruch: Begeistert feierten die Rio-Reiser-Fans Plewkas musikalische Hommage. Und erwiesen sich dabei als absolut textsicher. „Ihr kriegt uns hier nicht raus. Das ist unser Haus“, schmetterten sie den Refrain des Rauch-Haus-Songs, der einstigen Hymne der Kreuzberger Hausbesetzerszene. Wahrscheinlich gehörte kaum jemand aus dem Publikum einst selbst dieser Szene an, egal  der Abend funktioniert auch, weil er eine Zeitreise in die wilden, abenteuerlichen 1970er-Jahre war.

Bewegte und engagierte Zeiten, lange her, seitdem ist alles sehr viel ruhiger und unaufgeregter geworden, man selbst natürlich auch. Um so erfüllender, mit Jan Plewka und seiner Band in die wilde Vergangenheit abzutauchen: „Lass uns ein Wunder sein“. Die Musik ist großartig, damals wie heute, kraftvoll und zärtlich zugleich, von der „Schwarz-Roten Heilsarmee“ hellwach und dynamisch präsentiert. Plewka besticht durch seine charismatische Präsenz. Schade und absolut überflüssig, dass er dabei auf „special effects“ setzt.

One comment

  1. Vielleicht sollte man, wenn man so eine Kritik schreibt, im Hinterkopf haben, dass „Jan Plewka singt Rio Reiser“ eine Theaterproduktion/inszenierung ist und kein Tribute Konzert.