Dienstag , 27. September 2016
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Lothar Nierenz dirigiert, als Solist am Cello setzt Jakob Nierenz, Sohn des Leiters, Akzente. Foto: t&w
Lothar Nierenz dirigiert, als Solist am Cello setzt Jakob Nierenz, Sohn des Leiters, Akzente. Foto: t&w

Herausforderungen bewältigt

hjr Lüneburg. Es hätte getrost eine Nummer größer sein dürfen. Das Forum der Lüneburger Musikschule erwies sich als schlicht zu klein und das gleich in doppelter Hinsicht: Das stark gewachsene Orchester der Musikfreunde fand auf der Bühne nur mit Mühe genügend Platz, und die Zuhörer drängten sich im übervollen Saal, viele standen.

Zu erleben gab es ein besonderes Konzert mit zwei bedeutenden Werken des 19. Jahrhunderts und mit Jakob Nierenz einen Cello-Solisten, der seine Aufgabe mit Bravour meisterte. Lothar Nierenz führte den sinfonischen Apparat zusammen, dirigierte mit Fingerspitzengefühl, animierte die Instrumentalisten zu hoher Wachsamkeit und Spielfreude.

Edouard Lalo (1823-1892), Franzose mit spanischen Wurzeln, erntete für sein Konzert für Violoncello und Orchester d-Moll einst großen Zuspruch. Die Partitur weist Tücken auf, besticht durch Kontraste und üppig fließendes Melos, rückt über weite Strecken das Cello mit prägnanten Themen ins Zentrum. Das Orchester begnügt sich dabei mit Einwürfen, kurzen Kommentaren und grundiert den Solopart. Der Tonfall schwankt zwischen sehr gemacher Geschwindigkeit und heftig pulsierendem Vivace, wird von einem manchmal bedrohlich drängenden Charakter dominiert.

Für Jakob Nierenz eine Herausforderung, die er glänzend bewältigte. Er intonierte kraftvoll, ziselierte feine, lyrische Linien aus den Noten und gönnte dem Allegro angemessenen Raum. Der junge Solist markierte die Gegensätze famos. Im kommenden Sommer wird der Cellist auf Einladung des Boston Symphony Orchestra mit Star-Dirigenten wie Andris Nelsons oder Charles Dutoit im amerikanischen Tanglewood musizieren. Die Nerven dafür besitzt er, das handwerkliche Know-How ohnehin und den künstlerischen Impetus bewies er bei seinem Auftritt in überzeugender Weise: Hier agierte ein Instrumentalist mit großer Gestaltungskompetenz.

Das Konzert verstand Lothar Nierenz als Projekt. Neben der Stammbesetzung unterstützten das Orchester der Musikfreunde einige Mitglieder der Lüneburger Symphoniker und Nachwuchstalente der Musikschule in der Bläsergruppe: Das macht Sinn, denn in dieser Formation lassen sich durchaus Werke opulenteren Zuschnitts angehen. Neben Lalos Komposition unterstrich die berühmte Reformationssinfonie von Felix Mendelssohn Bartholdy den stringenten Ansatz. Das Ensemble jedenfalls wuchs im Verlauf immer besser zusammen, achtete strikt auf die klaren Zeichen des Dirigenten. Eine Kooperation mit Synergie-Effekt und Perspektive.

Mendelssohn Bartholdys fünfte Sinfonie erhielt den Reformationszusatz vor allem wegen der Einbindung des Chorals „Ein feste Burg“ im finalen Satz. Dramatisch aufgewühlte Wucht prägt häufig den Klang, dem Momente des Zauderns in Andante-Stimmung gegenüberstehen. Konzentriert taxierten die Musiker die vielfältigen Nuancen und fanden rasch wieder zu konzertierter Aktion, wenn es kurzzeitig mal leicht holperte. Der letzte Satz hielt das Choral-Motiv präsent, setzte mit Crescendo-Elementen und einem monumentalen Schluss den überragenden Akzent. Das Publikum bedankte sich mit prasselndem Applaus.