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Pierangelo Maset, Leuphana-Professor und Autor. Foto: nh
Pierangelo Maset, Leuphana-Professor und Autor. Foto: nh

Die Welt wird eingecremt

oc Lüneburg. Mit der Kunst ist Ruth Netzer fertig. Sie, die als „Mischung von Fleisch, Blut, Quecksilber und Treibsand“ in Pierangelo Masets Roman „Laura oder die Tücken der Kunst“ zu Reichtum in der Welt der Galerien kam, hat ein neues Projekt. Ruth Netzer gibt sich ganz und gar hinein in die Produktion einer Creme, die der Reproduktion des Körpers dienen soll, denn nur der Schein ist bekanntlich wirklich rein. „Untitled“ heißt das Produkt, „Beauty Police“ der Roman, mit dem der Lüneburger Autor und Professor eine Trilogie über den Triumph des Materiellen über den Geist abschließt.

Pierangelo Maset, 1954 in Kassel geboren, ist seit 2001 Professor für Kunst und ihre Didaktik an der Leuphana. In den 70ern hatte sich Maset an Ausstellungen, Lesungen, Performances beteiligt, in den 80ern veröffentlichte er Schallplatten, die sich zwischen Neuer Deutscher Welle, Elektro und Avantgarde bewegten. 2005 erschien als erster Teil der Romantrilogie „Klangwesen“, ein Berlin-Roman, in dem die Beeinflussung durch Medien auf subtile Weise thematisiert wird. 2007 folgte „Laura oder die Tücken der Kunst“: Maset spitzte zu, wie Galerien und Kunstagenten das Kreative benutzen, Banales zum Hype hochjubeln und die wirtschaftliche Verwertbarkeit von Kunst in den Vordergrund rücken. Ruth Netzer kann das fabelhaft. Der Roman kam auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis, wurde in weiten Teilen als Satire verstanden, was in dieser Ausschließlichkeit der Wahrnehmung „nicht in der Absicht des Autors lag“. Sagt der Autor. Maset meint es schon ernst.

Das gilt weiter für „Beauty Police“, auch wenn manche Szenerie und das ans Klischee grenzende Überhöhen der Figuren erneut stattfindet und als Satire, besser noch als Sarkasmus gelesen werden kann. Maset schreibt aus einer kulturpessimistischen Warte und setzt sich in dem Roman kritisch mit dem Transhumanismus auseinander, also mit einer Form von Fortschritt, in der mit Bio- und anderen neuen Technologien der Mensch sich in ein Maschinenwesen zu wandeln beginnt  oder steckt er schon mitten drin in diesem Prozess? „Untitled“, die höchst skurril, aus weltweit gesuchten Zutaten gemischte Creme der Ruth Netzer, ist nur eine Art von Metapher. Die Creme schlägt ein, global natürlich, und sie soll nicht nur äußerlich das tatsächliche dem Wunschbild angleichen. Wie jedem Produkt wird „Untitled“ eine Philosophie unterlegt.

Das Personal des Romans bezieht Maset zum Teil aus den vorausgegangenen Büchern, aber jedes steht dennoch für sich. Maset strickt um die Entwicklung der Creme einen strategischen Krieg, den Ruth Netzer mit ihrem chinesischen Geschäftspartner führt. Laura, im Vorroman „Kunstterroristin“ und Galeristin, taucht auch wieder auf, ist Mutter und wagt verzweifelte und schreckliche Akte des Widerstands gegen die Beauty Police ihrer Ex-Chefin. Maset schreibt seinen Roman aus der Position eines Forschers, der ein Experiment angeordnet hat und nun guckt, wie sich die Dinge verhalten. Handlung und Gedanken durchdringen sich. „Beauty Police“, im Cover passend zu Thema und Schreibstil cool designt, erschien wie die vorausgegangen Bände bei Kook Books, hat 224 Seiten, kostet 19,90 Euro.