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Dorota und Andrzej Popolski, zwei, die für die Liebe gemacht sind. Foto: t&w
Dorota und Andrzej Popolski, zwei, die für die Liebe gemacht sind. Foto: t&w

Die letzte Wodka-Pause

oc Lüneburg. Aufhören soll man ja, wenn es am schönsten ist. Vielleicht aber ist das Konzept, mit dem Achim Hagemann alias Pavel Popolski das Land überfiel, nun auch ausgeschöpft. Jedenfalls befindet sich Der Familie Popolski auf Abschiedstournee. 18 Konzerte noch, dann soll Schluss sein mit der Geschichte der Familie, die auszog, um Polka und Pop zu versöhnen und vor allem ein großes Unrecht wiedergutzumachen. Denn, so geht die Fama, hat Opa Popolski vor hundert Jahren im zwölften Stock eines Plattenbaus von Zabrze die Popmusik erfunden, 128000 Top-Ten-Hits geschrieben, und dann wurden sie ihm geklaut. Hauptverdächtiger ist ein gewisser Dieter Bohlen, der bekam auch beim letzten Popolski-Konzert im Lüneburger Vamos sein Fett weg.

Das Haus ist rappelvoll. Vorn dreht eine polnische Flagge Achten in die Luft, fliegen die Wodka-Gläser, tragen manche Damen zu Pavels Erstaunen einen fetteren Oberlippenbart als er selbst. Gesungen und geschunkelt wird im ganzen Saal  über runde drei Stunden, Wodka-Pausen inklusive. Das Publikum ist textsicher, freut sich beim „Best Of“ zugleich über neuere Nummern, etwa, wenn Pavel an die Kesselpauken schreitet und klarmacht, wie AC/DC richtig klingt: „Whole Lotta Polka“.

Gecovert wird laufend. Zum Beispiel Richard Clayderman, der im Original am 23. April im Vamos pianiert und eigentlich eine „Ballade pour Adrenalin“ schrieb. Oder der leiseste Popsong der Geschichte, den Jennifer Lopez sang: „Lets Get Loud“  da ist es mucksmäuschenstill im Vamos. Höhepunkt wird, wie erwartet, Janusz Popolski, der sich das Hemd vom Leib und die Stimme aus der Kehle für die Kirschenverkäuferin von Zabrze reißt: „Cherry Cherry Lady“. Bohlens Säuseldisconummer mutiert zum Kracher im Stil von Led Zeppelin.

Das Popolski-Projekt, das durch eine TV-Reihe Kultcharakter bekam, wurde für eine ganze Reihe wichtiger Preise nominiert. Es besticht neben dem Umgang mit Klischees vor allem durch die cleveren Arrangements, die Achim Hagemann auf Schlager, Pop- und Rocksongs schreibt. Hagemann hatte sich in der Zusammenarbeit mit Hape Kerkeling („Hurz“) ein solides Fundament geschaffen.

Der Familie Popolski hat Witz, Comedy und Kabarett in die Rockmusik gebracht, das hat in Deutschland kein Vorbild und keine Konkurrenz. Humor in der Popmusik, das ist ohnehin so eine Sache und klappte lange noch am ehesten bei den Briten. Es gab dort in den späten Sechzigern Truppen wie The Scaffold („LiIly The Pink“), die Bonzo Dog Doo-Dah Band, bald darauf die Beatle-Parodisten The Rutles („All You Need Is Cash“). Aus Finnland, wo das Skurrile möglicherweise genetisch vorgegeben ist, kamen die Leningrad Cowboys, heute pflegen Bands wie Tenacious D das Genre. Deutschland hatte nun also die Popolskis, die zerstreuen sich bald in alle Welt. Denn mal tschüs! Do widzenia!