Dienstag , 27. September 2016
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Seit 2003 ist Nezih Seckin als 1. Kapellmeister am Theater Lüneburg. Jetzt wechselt er in seine Heimat. Foto: t&w
Seit 2003 ist Nezih Seckin als 1. Kapellmeister am Theater Lüneburg. Jetzt wechselt er in seine Heimat. Foto: t&w

Anruf aus Ankara

oc Lüneburg. Auf dem Couchtisch hat Nezih Seckin einen Bildband aufgeschlagen. „Das hier, das ist bei Antalya, eine Atmosphäre wie in Verona, da habe ich Zauberflöte gemacht und Traviata, eine wunderbare Sache“, sagt der 1. Kapellmeister des Theaters Lüneburg und tippt auf das Bild vom antiken Aspendos Theater, einer Open-Air-Arena, die 20000 Menschen fasst. Seckin blättert zurück zum Opernhaus von Ankara. In der türkischen Hauptstadt hatte er einst Klavier studiert, und jetzt hat ihn der Generalintendant der Oper angerufen: „Besuch mich! Wir brauchen Dich!“ Das hat Folgen: Nezih Seckin wird Lüneburg nach elf Jahren verlassen und Chefdirigent der Hauptstadt-Oper seiner Heimat.

Seckin ist eben einer, der wiederkommt. Das galt sogar für Lüneburg. Denn hier hatte der 1956 geborene Musiker seine erste Stelle in Deutschland, 1978/1979 als Solorepetitor und Kapellmeister. Der Intendant hieß damals Hannes Houska, wechselte nach Koblenz und nahm den jungen Seckin mit. Seither pendelte Seckin, der in Ankara und Wien studiert hatte, zwischen der Türkei und Deutschland. Hildesheim und Dortmund, Izmir, Mersin und Istanbul gehörten zu seinen nächsten Stationen.

2003 war Seckin aber wieder in Lüneburg, er bildete ein Musiktheater-Team mit Musikdirektor Urs-Michael Theus. Es wurden elf Jahre und es hätte weitergehen können. Seckin wurde sesshaft, er lebt mit Schauspielerin Britta Focht und gemeinsamer Tochter Lara, sechs Jahre jung. Das Leben lief in ruhigem Fluss.

Jetzt ist es ein reißender geworden. „Ich dachte nicht, dass so etwas passiert. Beruflich ist es toll, es ist das, was ich mir immer gewünscht habe“, sagt der Musiker. Kontakte zu türkischen Orchestern hat Seckin immer gehalten, er wurde häufig als Gastdirigent gebucht. Vor kurzem noch, als er in Lüneburg „Kaspar Hauser“ einstudierte, kam die Anfrage, ob er eine „Zauberflöten“-Produktion leiten wolle. Er sagte ab.

Jetzt aber sagte er zu. In der Fünf-Millionen-Metropole Ankara leitet er künftig ein Orchester von rund 120 Musikern, einen Chor von 140 Sängern. Das Repertoire Verdi, Wagner, Strauß… ­ lehnt sich an den internationalen Betrieb an. „Das Niveau ist mit dem von Hamburg vergleichbar“, sagt Seckin und wirkt dabei so, als könne er sein Glück noch gar nicht fassen. Einen Haken allerdings hat die Sache und der heißt Familie. Zwischen Ankara und Lüneburg ist viel Luft.

Die Arbeit am Lüneburger Theater hat Nezih Seckin durchweg gut gefallen. Seckin ist keiner, der die Höhen und Tiefen besonders benennt. Als er aber in der Abschiedsspielzeit von Urs-Michael Theus besonders viel zu tun bekam, da fühlte er sich wohl „mit Weihnachts- und Neujahrskonzert, das war ein schönes Erlebnis.“ Ein großes Konzert wird Nezih Seckin neben der Repertoire-Arbeit auch noch leiten, am 11. Mai mit den Lüneburger Symphonikern. Das ist dann wohl ein Abschiedskonzert. Die Stelle für seinen Nachfolger ist bereits ausgeschrieben.