Donnerstag , 29. September 2016
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Vince Ebert im Kulturforum: Der Kabarettist erläuterte den Prozess der Evolution ebenso kurzweilig wie sachkundig.
Vince Ebert im Kulturforum: Der Kabarettist erläuterte den Prozess der Evolution ebenso kurzweilig wie sachkundig.

Was nach dem Urknall geschah

hjr Lüneburg. Wissenschaft ist manchmal dröge, akademisch überfrachtet und darum für Laien eher unverständlich. Evolutionstheoretiker Richard Dawkins versuchte es unter anderem mit anschaulichen TV-Seminaren für Jugendliche. Sein deutscher Kollege Vince Ebert erlangte zwar bisher keine internationale Prominenz, dafür fallen seine Exkurse ins Populäre amüsanter aus. Der Physiker wechselte früh das Metier, tauschte den Schreibtisch gegen die Bühne ein und tourt seither mit beachtlichem Erfolg durch die Republik, um komplexe Zusammenhänge der Naturwissenschaft einem breiten Publikum zu vermitteln.

Das Bemühen rangiert unter dem Logo „Kabarett“ und reiht ihn beispielsweise neben Mediziner Eckart von Hirschhausen ein, der ihm als Regisseur einige Male auf die Sprünge half. Das aktuelle Programm heißt schlicht „Evolution“ und hält exakt, was es verspricht: einen Streifzug durch das Universum und seine mögliche Entstehung ohne den biblischen Schöpfungsmythos im Gepäck. Die Zuschauer im ausverkauften Kulturforum Gut Wienebüttel folgten den profunden Analysen mit großem Vergnügen.

Wortwitz und Humor sind die bevorzugten Bestandteile von Vince Eberts unterhaltsamen Ausführungen. Er gibt gern dem Zufall eine reelle Chance und landet prompt beim Thema. Evolution ist in gewisser Weise ein Synomym für Chaostheorie. Das irritiert, denn für eben jenen Zufall fehlt dem gemeinen Menschen das Sinnesorgan, und trotzdem funktioniert das Prinzip seit Jahrmilliarden einigermaßen gut, zumindest birgt es einige Überraschungen und nicht weniger Potenzial für Innovationen. Doch der Spezialist für experimentelle Festkörperphysik bleibt keineswegs in den streng wissenschaftlichen Dimensionen stehen. Das Besondere, Mysteriöse und letztlich Titanische bricht er beherzt auf den ganz gewöhnlichen Alltag herunter.

Was bleibt dann vom Urknall und seinen Folgen? Zumindest die philosophisch durchtränkte Frage nach dem generellen Sinn des Seins. Die auch schwer zu beantworten wäre. Leichter fällt es mit der Sexualität und ihrer Naturverbundenheit oder der permanenten Erneuerung von roten Blutkörperchen und Hautzellen. Heikle Gefilde betritt Vince Ebert, wenn vermeintlich Außerirdische ins Spiel geraten, wie zum Beispiel die Protagonisten des telegenen und enorm quotenträchtigen Musikantenstadels. Hier spätestens versagt die Wissenschaft ihre Dienst  oder doch nicht? Der Künstler driftet nie ins Kalauernde ab, sondern versucht, adäquate Ansätze zu finden, damit selbst derart komplexe Sachverhalte transparent erscheinen.

Ihm gelingt das mühelos, und so erklärt sich beinahe zwangsläufig, warum der homo sapiens und nicht ein beliebiger Käfer zu höherer Intelligenz mutierte. „Evolution“ ist sicher nichts für Fundamentalisten, denen in diesem Programm der Schlenker in theologische Gefilde fehlen mag. Für das Göttliche bleibt nach Ansicht des Kabarettisten wenig Raum. Jenseits universitärer Seminare weckte der Gast in höchst anregender Weise mächtig Appetit auf das Thema. Der populärwissenschaftliche Funke sprang über: Das Publikum jubelte am Ende.