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Starker Auftritt: Claudia Grottke und Sebastian Prasse als Gangsterpärchen, das wie Bonnie & Clyde dem grauen Dasein entkommen will.
Starker Auftritt: Claudia Grottke und Sebastian Prasse als Gangsterpärchen, das wie Bonnie & Clyde dem grauen Dasein entkommen will.

Schnelle Knete mit der Knarre

Von Frank Füllgrabe
Lüneburg. Es sieht nicht gut aus: „Scheiße!“, und noch einmal: „Scheiße!“ Werner alias Clyde pflegt den gleichen Wortschatz wie Kommissar Horst Schimanski. Aber leider steht Clyde auf der anderen Seite: Zusammen mit seiner Freundin Bonnie, und die heißt wirklich so, hat er gerade eine Bank ausgeraubt. Irgendeinem Angestellten muss es gelungen sein, den stillen Alarm auszulösen. Jetzt rücken die Bullen an, und es sind sehr viele. Wie sollen sie da jetzt wieder rauskommen? Scheiße!

Holger Schobers Drama „Clyde & Bonnie“ in der Regie von Jaspar Brandis beginnt im Jungen Theater (T.3) mit einem Showdown. Claudia Grottke und Sebastian Prasse spielen ein Gaunerpärchen, das sich bemüht, in die großen Fußstapfen ihrer berühmten Vorgänger zu treten. Bonnie und Clyde waren damals, in den USA der Dreißigerjahre, mit ihren Raubzügen zu Popstars geworden, und wie es sich für Helden gehört, sind sie früh (mit 23 bzw. 25 Jahren) gestorben: Sie gerieten in eine Falle, ihr Automobil wurde von 167 Kugel durchsiebt. Das zumindest kann Clyde und Bonnie nicht passieren, sie haben gar kein Auto, das rettet sie erst einmal. Die jungen Gangster packen Knarre und Knete in die Rucksäcke, gehen zu Fuß  und entkommen unerkannt.

Clyde und Bonnie lernen sich in einer Disco kennen: zwei Twens ohne Freunde, ohne richtige Familie, ohne Job und ohne Perspektive. Zum ersten mal in ihrem Leben passiert etwas Wunderbares, sie verlieben sich heftig. Werner und Bonnie haben den gleichen Traum und wohl auch die gleichen Filme gesehen, daraus schöpfen sie nun, wenn es brenzlig wird, ihre coolen Kommentare  eine Mischung aus film noir und Star Wars (,,Möge die Macht mit Dir sein!). Das Stück selbst, konzipiert für Zuschauer ab 14 Jahren, ist als B-Movie angekündigt. Regisseur Jaspar Brandis hat diesen Gangsterfilm eher wie eine Ballade ngelegt, mit den Banküberfall-Szenen, die stets die gleichen Texte haben, als Refrain.

Claudia Grottke und Sebastian Prasse müssen sich ganz auf sich selbst und die Macht der Inszenierung verlassen: Es gibt keine Kulissen, kaum Requisiten, außer einem Boxsack, der steht (bzw. hängt) natürlich für Aggressivität und Schmuddel-Milieu, und einer Nebelmaschine für die Traumsequenzen, die riskanten Fischzüge. Es geht laut, kraftvoll und heftig zu, mit Geballer und Geschrei, um so intensiver wirken die leisen, zärtlichen Momente  etwa, wenn Clyde und Bonnie einen romantischen pas de deux tanzen und damit ihre heimliche Sehnsucht nach einer heilen, vielleicht sogar kitschigen Welt schildern. Aber das Leben ist nun mal kein Ponyhof, also warum nicht ein paar Geldinstitute plündern? Die Banker sind doch selbst schuld, sie fangen die Menschen mit Krediten und lassen sie ein Leben lang abstottern. So sieht es Werner-Clyde jedenfalls, damit folgt er  unbewusst  Bertolt Brecht: „Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“

Langer Applaus belohnt Claudia Grottke und Sebastian Prasse, die in ihrer Präsenz authentisch wirken, eine starke Leistung. Apropos: Schimanski, gespielt von Götz George, ist der legendäre Duisburger „Tatort“-Kommissar. Er durfte als Erster im Fernsehen immer wieder „Scheiße!“ sagen, Kollege Tanner führte Strichliste.