Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Clavigo (Gregor Müller) hat sein Glück verspielt, Marie (Beate Weidenhammer) ist aus dem Leben ausgestiegen.
Clavigo (Gregor Müller) hat sein Glück verspielt, Marie (Beate Weidenhammer) ist aus dem Leben ausgestiegen.

Höher fliegen, tiefer stürzen

Von H.-M. Koch

Lüneburg. Sie haben auf die Bühne ein Podest gesetzt. Das verengt die Welt von Marie, sie wird den Raum kaum je verlassen. Clavigo dagegen, um den sich ihr Denken und Fühlen dreht, er turnt durch die Weltgeschichte, sprengt Spielräume, er ist ein Luftikus und schwebt hernieder auf die Bühne. Er wirft mit Ideen um sich, schon segeln sie Blatt um Blatt auf die Bretter, wo Kumpel Carlos sich alles einverleibt, man weiß ja nie, wofür das gut sein kann. Da sind sie denn, die Hauptfiguren in Goethes „Clavigo“, bald schneit noch Maries Bruder Beau­marchais herein, cool wie aus einem Tarantino-Film. Er ist der Rächer, und dann sind da noch einige mehr, die das Trauerspiel rund machen in der mutigen Fassung, die Mark Zurmühle im Theater Lüneburg in Szene gesetzt hat.

Es ist ein sehr offenes, gegenwärtiges Konzept, mit dem das Team Zurmühle Goethe zu Werke rückt. Geblieben sind die leidenschaftliche Sprache, Struktur und Inhalt der Vorlage. Marie aber trägt Kapuzenjacke, Jeans und Top, und immer sucht sie nach einer eigenen Lösung für das höchst komplizierte Verhältnis, in das sie geraten ist. Nur weiß sie nicht wie und wohin mit sich. Bis aufs Mark verstört durch den doppelten Verrat, den Clavigo ihr zufügt, wählt sie den letzten aller Auswege. Sie siecht und seufzt nicht von dannen wie es weiland Goethe wollte, sie greift zum Messer. Beate Weidenhammer zeigt eine nervöse, düster wirkende Marie, die fahrig ist oder speedig, wie immer man das nennen will. Diese Marie ist immer präsent auf der Bühne, mal aktiv, mal passiv, mal als Gedanke. Schwer zu spielen, aber effektiv umgesetzt.

Clavigo kommt nicht los von ihr. Gregor Müller spielt einen jungen Mann mit Blick nach oben. Einen, der alles will und das sofort, der immer im Moment und zu schnell lebt, der sich allzu leicht beeinflussen lässt, von einem Extrem ins andere kippt, der sprüht, sich vom Spontanen leiten lässt und das Hirn zu spät anwirft. Er bedenkt die Folgen seines Handelns nicht beizeiten. Diese Begeisterungsfähigkeit, dieses extreme Schwanken, das kommt sehr gut heraus. Müller zeigt einen eigentlich sympathischen Clavigo, der sich zum Unsympathischen hinreißen lässt.

Mark Zurmühle (Regie), Eleonore Bircher (Bühne) und Ilka Kops (Kostüme) gelingt ein unbequemer, sperriger, manchmal von Tempo und Lärm bedrohter, aber dennoch starker Zugriff auf das entstaubte Stück. Kurze Filmclips führen zu romantischer Erinnerung oder zur Vision von einer unbeschwerten Liebe für Marie und Clavigo. „Vorbei! Ein dummes Wort“ steht zu Beginn an die Leinwand geschrieben. „Warum Vorbei?“ heißt es später. Manchmal hält das Stück an und wird dann sehr intensiv, großartig die stumme Szene von Zögern und Begehren, die Weidenhammer/Müller bei der letzten Versöhnung des Liebespaares spielen.

Zurmühle setzt das Drama in eine Zeit, die orientierungslos wirkt, in der sich jeder an etwas Diffuses klammert oder in eigene Vorstellungen flüchtet. Heiner Junghans gibt dem Carlos die Züge des berechnenden Intriganten. Fabian Kloibers oberflächlicher Beaumarchais verliert schnell seine aufgesetzte Coolheit, sie ist nichts als hohle Richter/Rächer-Pose. Ulrike Gronows Sophie bleibt eine biedere Schwester, und Thorsten Dara macht den Flamenco-Buenco, die Sache spielt ja in Spanien, zu einem Mann, bei dem man nie weiß, wozu er fähig ist.

Das Publikum quittiert die geschlossene Leistung und die zupackende Inszenierung mit langem Beifall.