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Großaufgebot für Bachs Johannespassion: Kantorei, Barockorchester LArco und Leiter Henning Voss.
Großaufgebot für Bachs Johannespassion: Kantorei, Barockorchester LArco und Leiter Henning Voss.

Himmel auf, Hölle zu

oc Lüneburg. Es steckt so viel drin in diesem Werk. Getrieben von einer dramatischen Erzählung, befeuert von nahezu opernähnlichen Szenen, durchbrochen von einem Dutzend betrachtenden Chorälen, bereichert mit zehn ins Innere schauenden Arien: So breitet sich über zwei Stunden das ganz große religiöse Welttheater auf. Passionsmusiken für den kirchlichen Gebrauch schufen viele, Telemann schrieb allein 44, aber keiner brachte zu seiner Zeit das Alte und das Neue auf so reiche, dazu theologisch fundierte Weise auf den klingenden Punkt wie Johann Sebastian Bach. Das war nun erneut zu erleben, bei einer bewegenden, reichen Aufführung der Johannespassion in der Michaeliskirche.

Henning Voss ließ zu seinem ohnehin riesigen und perfekt vorbereiteten Chor die Jugendkantorei auftreten. Sie sang die vierstimmigen, Herzenswärme verbreitenden Choräle mit, verstärkte so die ideale Gemeinde. Die aufwendigeren Sätze blieben der Kantorei überlassen, allen voran der schon mit den dissonanten Bläsern unter die Haut gehende Beginn „Herr, unser Herrscher“. Voss arbeitete im gesamten Verlauf der Passion feine Nuancen der Text-Musik-Beziehung heraus. Wie entfesselt bilden die hysterischen, sich schier überschlagenden Chöre des Hasses einen Pol, dagegen stehen eindringlich und farbenreich gestaltete übergreifende Sätze bis hin zum besinnlichen „Ruhet wohl“, das von Trauer und Trost gezeichnet ist, von Flöten, Oboen und Violine mitgetragen wird. Es ist das Stück, in dem Bach den Himmel aufmacht, die Hölle zuschließt  im Text wie im Klang.

So stark und vielgestaltig der Chor singt, so einfühlsam die trotz der Chormasse recht gut präsenten Musiker von LArco spielen, so sehr steht und fällt das Werk mit dem nahezu pausenlos geforderten Evangelisten. Er muss die Zuhörer mitreißen, berühren, die Spannung halten und den Weg vom äußeren zum inneren Geschehen leiten. Knut Schoch macht das fantastisch, mit hellem, klaren Tenor und großartiger Aussprache. Seine Schilderung des Passionsgeschehens ist einfühlsam und emotional, aber nie pathetisch. Ebenso packt Schoch die Arien wie „Ach, mein Sinn“ an, er ist so gut wie in jedem Detail sicher, der Erfolg dieses Abend ist ganz eng mit ihm verbunden.

Dabei hat Henning Voss auch in den anderen Partien starke Solisten verpflichtet: Sebastian Noack (Petrus, Pilatus), leidenschaftlich in der mit dem Chor verzahnten „Eilt“-Arie, und Ralf Grobe (Jesus-Worte) setzen in ihren Bass-Partien sinnreich ausgewogene Akzente. Sopran Veronika Winter hat mit der Wärme ihrer Stimme, besonders in hohen Lagen, schon oft das Publikum begeistert. Anne Bierwirth setzt ihren klangschönen Alt etwas vorsichtiger, zurückhaltend ein, fügt sich aber gut in die Aufführung, auch Tenor Fabian Sitte.

Henning Voss hat mit seiner Kantorei einen eindringlichen Abend geschaffen, ein großes Konzerterlebnis mit Musik, die der Verkündigung dient. Das war zu Bachs Zeit selbstverständlich, ist es längst nicht mehr. Um so faszinierender, dass diese Musik auch heute so tief wirkt. Die Kirche war vollbesetzt, und nach Momenten der Stille prasselte langer Beifall auf die Beteiligten nieder.