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Annett Louisan, heute 37, ist oft nachdenklich und oft erfrischend frech.
Annett Louisan, heute 37, ist oft nachdenklich und oft erfrischend frech.

Schokolade mit Chili

oc Lüneburg. Sie ist nun zehn Jahre im Geschäft, hat 1000 Konzerte hinter sich, und heute ist sie 37 Jahre alt. Sie ist klein und so knubbelig wie knuddelig, sie trägt nach wie vor einen Jungmädchencharme vor sich her, aber der Schein trügt wie so oft bei dem, was Annett Louisan singt und sagt. Sie hat sich zu einer ernst zu nehmenden Sängerin entwickelt, das hat eine Menge mit Pop zu tun und ebenso mit Chanson. Vor gut 600 Fans im Vamos, wo sie schon häufig auftrat, sang sie nun wieder, zweimal 45 Minuten plus Nachspielzeit  das Publikum hatte viel Freude an ihr und ihrer guten Band.

Die Kostümberatung drapierte das kleine Schwarze um die Sängerin  ob das nun so vorteilhaft ist? Egal. Es gibt ihr jedenfalls etwas Strenges, Dunkles, und tatsächlich fällt an diesem Abend deutlicher als sonst auf, wie viele Lieder der Louisan alles andere als heiter sind. Das betrifft nicht nur die Hits mit den Widerhaken im Text, die Songs mit den gegen den Strich gebürsteten Klischees und auch nicht die Stücke, in denen sie mit Unschuldslächeln lustvoll Bosheiten ausstreut. Das macht sie hervorragend, aber oft schaut eben eine verletzliche und verletzte Seele hinter den Texten hervor. Annett Louisan arbeitet sehr genau und achtet dabei auf Menschen, die wissen, welche Art von Lied zu ihr passt. Texter Frank Ramond gehört dazu, zeitweise waren es Peter Hoffmann und Danny Dziuk, immer ist es Hardy Kayser.

Vieles an diesem Video-unterstützten Abend stammt natürlich vom aktuellen Album „Zu viel Information“. Das Publikum kennt die Lieder und wartet denn doch auf die alten Sachen, ob es „Das Spiel“ ist, die grausam perfekte „Eve“, ob „Prosecco“ eingeschenkt wird, oder eben der „Kerl, den ich nicht los werde“ auftaucht, das ist „Torsten Schmidt“. Annett Louisans Stimme ist mit den Jahren reifer geworden. Sie hat das Kindfrau-Image abgestreift, sie kann es noch einsetzen, aber wichtiger sind ihr spürbar die ernsten Lieder, in denen sie von Kindern singt, deren Eltern sich getrennt haben, oder wie im Knef-Cover „Papillon“ von dem Tod, der eine Liebe enden wird. Eindringlich, wie sie ein weiteres Cover singt, ein Lieblingslied: Chris Isaacs „Wicked Game“, auch das ein Stück fern aufgesetzter Fröhlichkeit.

Aber das Freche kommt natürlich nicht zu kurz an einem Louisan-Abend, der wie Schokolade mit Chili funktioniert: bitter, süß und scharf. Verlassen kann sich Louisan dabei jederzeit auf ihre Band, die Pop, Kammerjazz, etwas Country, einen Hauch Blues beisteuert, stets zurückhaltend, aber dennoch deutlich mit Cello und Cajon, Klavier und Gitarre. Hardy Kayser, Friedrich Paravicini, Tobias Neumann und Martin Iannaccone bilden mit der Sängerin eine Einheit, die nun auf langer Tour ist. Sie haben dabei Spaß, das Publikum auch.