Dienstag , 27. September 2016
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Szene mit Robina Steyer (vorn), Katerina Vlasova und Francesc Fernandez Marsal.
Szene mit Robina Steyer (vorn), Katerina Vlasova und Francesc Fernandez Marsal.

Schwanen-Schrei und getanzter Wein

Von Frank Füllgrabe

Lüneburg. Ein vorsichtiges Schlückchen  uuuäh, der Wein, ein roter Cava, ist wirklich sehr trocken, da ziehen sich einem alle Geschmacksknospen auf der Zunge zusammen, Matthew Sly schüttelt sich. Aber Körpersprache ist ja auch seine Art, sich auszudrücken. Die wohl erste getanzte Weinprobe der Welt wurde im Lüneburger Theater uraufgeführt, als Teil des Programms „Kunst ver-rückt Tanz“: Die Tänzer(innen) des Ballett-Ensembles haben, so ist es im Haus bereits seit vielen Jahren Tradition, für eine Produktion eigene Choreographien auf die Bühne gebracht. Im ausverkauften T.3 wurde die Compagnie vom begeisterten Publikum gefeiert.

Matthew Sly also hat sich für sein Solo einige Rebensäfte vorgenommen. Paganinis Erstes Violinkonzert begleitet die Auseinandersetzung mit dem Cava. Ein Chardonnay scheint bekömmlicher zu sein, es erklingt Fats Wellers „Black and Blue“, und zum Abschluss verkostet der Tänzer zu den „Asturias“ von Isaac Albéniz einen glutvollen Tempranillo. Das ist übrigens keine „Dinner for One“-Nummer, der Trinker bleibt nüchtern. An anderer Stelle setzt Matthew Sly zusammen mit Katerina Vlasova allen Pärchen ein heiteres Denkmal, die ihre Beziehung aus der Dis­tanz führen müssen: Wie kann die Liebe gelebt werden, wenn immer etwas dazwischen ist?

Eine originelle Idee oder eine starke Empfindung direkt umsetzen zu können, ohne dabei Rücksicht auf irgendwelche Zusammenhänge nehmen zu müssen  diese Chance haben alle Tänzer/innen auf ihre Art genutzt. Zum Auftakt tanzen Giselle Poncet und Naoki Kataoka einen recht klassischen Pas de deux in einer Choreographie von Bournonville: Im schottischen Hochland trifft ein Schäfer am Vorabend seiner Hochzeit auf eine Waldfee  das ist noch echte Romantik.

Ganz anders sieht das aus, wenn Robina Steyer inszeniert, sie interessiert sich offensichtlich vor allem für die Schatten der menschlichen Seele: Ihr „Schwanen#Aufschrei“, mit Katerina Vlasova und einem düsteren Francesc Fernandez Marsal auf die Bühne gebracht, erzählt, wie sich eine fabelhafte, unschuldige Märchenwelt zum Schauplatz von Unterdrückung und Gewalt wandelt: Kein anderes Stück wird so sehr mit klassischem Ballett in Verbindung gebracht wie Tschaikowskys „Schwanensee“. Doch die Geschichte, die Macht-Konstellation der Protagonisten wird hinterfragt, umgedeutet, die schneeweiße Welt wandelt sich zu einem finsteren Schauplatz des Kampfes. Hier wird nicht mehr geschwebt, sondern gerungen. Wie purer Zynismus erklingt dazu Armstrongs „What a wonderful world“.

Wieder ganz anders: „Russisches Remake“ von Ewelina Kukuschkina und Naoki Kataoka, ein fröhliches Spiel mit Folklore-Klischees, dazu spielt Akkordeonist Wlodzimierz Wrobel  mit aufgeklebtem Schnurrbart  alles, was gemeinhin zum Land gezählt wird, der Schmachtfetzen „Kalinka“ beispielsweise. Und so gerät der Abend zu einer eindrucksvollen Revue, die zeigt, was auf dem Tanzboden alles möglich ist. Die Künstler/innen, die sich zum Finale wie eine moderne Clique präsentieren, ernteten langen Applaus  und irgendwie machten sie den Eindruck, als wenn sie am liebsten gleich wieder von vorn beginnen würden. Darauf allerdings müssen sie bis zum nächsten Dienstag, 8. April, warten.