Donnerstag , 29. September 2016
Aktuell
Home | Kultur Lokal | Was im Schatten blüht
Bei Ruth Fiedler waren die Sopranläufe sehr gut aufgehoben.
Bei Ruth Fiedler waren die Sopranläufe sehr gut aufgehoben.

Was im Schatten blüht

oc Lüneburg. Johann Wilhelm Hertel? Trompeter kennen ihn, da hat sich was erhalten, auch Ludwig Güttler „hertelt“ gelegentlich. Aber sonst ist dieser Musiker, der sein Werk vor allem für den Mecklenburg-Schweriner Hof schuf, einer von den vielen aus dem Meer des Vergessens. Geboren 1727 in Eisenach, kannte er natürlich das Werk des mittlerweile in Leipzig ackernden Eisenachers Johann Sebastian Bach. Gestorben ist Hertel 1789, also in Mozarts Zeit. Zwischen den beiden Großen ist Hertels Musik anzusiedeln. Dass auch im Schatten schöne Gewächse blühen können, zeigte in St. Johannis Lüneburg die von Joachim Vogelsänger geleitete Aufführung des Passionsoratoriums „Der sterbende Heiland“, das Ostern vor 250 Jahren in Schwerin uraufgeführt wurde.

Einen im Vergleich zu den Bach-Passionen weitaus subjektiver formulierten Text vertonte Hertel; er spiegele die „Emotionen eines lyrischen Ichs“, heißt es im Programm zur Aufführung. Die Sprache dockt im Barocken an, sie ist blumig, drastisch, bilderreich. Die Musik greift deutlich barocke bzw. Bach-Vorbilder auf, von den Rezitativen über die Lautmalereien bis zu den Chorälen.

In den vom Orchester begleiteten Arien, besonders denen für den stark geforderten Sopran, kommt es zu abenteuerlichen Läufen mit brutalen Intervallsprüngen, da ist denn die Nähe zur Mozart-Bravour zu spüren. Ruth Fiedler sang diese Arien mit ausgezeichneter Technik, großer Farbigkeit und nuancenreichem Ausdruck  „Schallt, ihr frudigen Gesänge!“. Dass Ruth Fiedler in Kürze im Theater die „Zauberflöte“ krönen wird, das passt denn hierhin.

Das „lyrische Ich“ war besonders bei Tenor Christian Rathgeber beheimatet, er kann viel Wärme in seinen überlegten Vortrag legen. Der Sohn des früheren Lüneburger Musikschulleiters wird zum Weihnachtsoratorium wieder nach Lüneburg kommen. Das Trio der jungen Solisten komplettierte Christoph Hülsmann, ein Bass von enormer Durchschlagskraft und Klarheit. Da blitzten, um in der Sprache des Oratoriums zu bleiben, die Töne vom Flammenthrone.

Joachim Vogelsänger hatte das Werk mit dem groß besetzten Motettenchor der Kantorei punktgenau einstudiert, der Chor beschritt den Weg zwischen Andächtigem und nachdrücklicher Glaubensbekräftigung, zwischen Zagen und Zuversicht mit großer Fülle, Ausgewogenheit und auch mit guter Aussprache. Die einzelnen Sätze reichen gewiss nicht an die der Bach-Passionen heran, aber Kraft entfalten sie schon. Gut saß die Abstimmung mit dem Concerto Brandenburg, das sich lustvoll in die auf- und niederwallenden Farbspiele des Komponisten stürzte.

Vorab glänzte der Motettenchor mit Mozarts Kyrie d-Moll, das wie der Auftakt zu einem größeren Werk dasteht. Dazu gab es noch die Symphonie funèbre von Mozarts Zeitgenossen Joseph Martin Kraus, der sein Glück am schwedischen Hof suchte, Mit dieser Symphonie schuf er Musik, die sich als ruhiger Fluss traurig und schön zugleich ausbreitet  und mit pochenden Pauken, die entscheidend für die Tiefenwirkung sind. Auch das gelang sehr eindrucksvoll.