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Ein bisschen seltsam sind sie hier alle drauf: Die Homies feiern sich selbst.
Ein bisschen seltsam sind sie hier alle drauf: Die Homies feiern sich selbst.

Ein ziemlich schräges Internat

ff Lüneburg. Die meiste Zeit verbringt der Herr Schuldirektor in seinem Büro und liest die Landeszeitung. Das ist eine sehr sinnvolle Tätigkeit  aber sollte er sich nicht um seinen Laden kümmern, die Heim- und Internatsschule Ilmenau? Dort sind gerade vier Neue angekommen, die nun etwas verloren mit ihrem Gepäck im Foyer herumstehen. Der Direx verzieht sich nach kurzer Begrüßung  „Ich habe noch einen sehr wichtigen Termin!“  wieder in sein Kabuff und überlässt den Job seinem Sohn. Der aber ist ein arroganter, fieser Schnösel. Den Hausmeister, einen unerträglichen Wichtigtuer, haben sie auch schon kennengelernt. Kein schöner Start für die „Homies“.

Homies, so nennen sich die Schüler, die im Internat wohnen. Und so heißt auch die neue Soap im e.novum-Theater, gespielt vom Jugendensemble VI plus zwei Erwachsenen. Kerstin Steeb und Alexander Püst haben als Regisseure ein Dutzend Typen auf die Bühne gestellt, die alle als Klischee-Charaktere gelten können, aber wohl die natürlichen Eigenschaften und/oder die Erscheinung der Schauspieler/innen (die Frauen sind schwer in der Überzahl) als Grundlage haben. Und das ist schon mal eine Stärke der Produktion: Alle Protagonisten kommen überzeugend und irgendwie authentisch rüber, auch wenn hier natürlich lustvoll übertrieben wird.

Das Vorbild für die Serie kommt aus dem eigenen Haus: „Neues aus der Schröderstraße“ erzählte von Bewohnern einer Lüneburger WG. Das Publikum durfte von Folge zu Folge abstimmen, wie es weiter geht, also ob etwa diese mit jenem ernsthaft etwas hat, und so weiter. Jetzt haben wir es beispielsweise mit einem naiven Mädel aus einer Sekte zu tun, das empfänglich ist für Nachrichten aus dem Jenseits und sich auf die Jagd nach Lesben macht. So eine gibt es tatsächlich, ein ziemlich aggressiver Typ. Als reichlich verhuscht muss ein Mädel gelten, dass auf Legolas (aus dem „Herrn der Ringe“) steht, allen Ernstes mit spitzen Elbenohren, Pfeil und Bogen herumläuft. Wieder ganz anders: eine überambitionierte Nervensäge, ein Kiffer, eine schlecht Deutsch sprechende Französin und ein blondes, schüchternes Mäuschen, das immer verliert, nie wirklich dabei ist, oft übersehen und gern mal gemobbt wird. Es will so schnell wie möglich wieder zurück nach Hause, muss aber am Handy erfahren, dass es daheim auch nicht willkommen ist.

Solche Szenen sorgen für stille, anrührende Momente in einer sonst eher überdrehten Inszenierung. Mit der Beschreibung von Hierarchien und einem skurrilen Aufnahme-Ritual wird das Internats-Milieu skizziert. Am Ende dürfen die Neuen das offizielle Homies-T-Shirt tragen, nur die schüchterne Blondine ist wieder außen vor. Solche Interna stehen insgesamt eher im Hintergrund. Aber die Sache entwickelt sich ja auch gerade erst, Darsteller und Publikum hatten bei der rund anderthalbstündigen Premiere jede Menge Spaß. Nicht zu vergessen: eine bestens aufgelegte Band, die das Geschehen begleitet. Das alles sind gute Voraussetzungen für die zweite Folge, sie startet am 10. Juli.