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Saa Staniic ist ein charmanter Mann, ein erfolgreicher Autor, ein begeisternder und begeisterter Erzähler - und ein Fußballfreak. Foto: t&w
Saa Staniic ist ein charmanter Mann, ein erfolgreicher Autor, ein begeisternder und begeisterter Erzähler - und ein Fußballfreak. Foto: t&w

Die Fülle der Provinz

oc Lüneburg. Saa Staniic bringt zu seiner Lesung im rappelvollen Glockenhaus sein Lächeln, sein Buch und sein Handy mit. Seine Lust am Erzählen natürlich auch und seine Neugier. Stanisic ist der Autor dieses Frühjahrs. Mit Offensiv-Charme erobert er das Publikum auf Anhieb. Mit seinem zweiten Roman gewann er die Jury der Leipziger Buchmesse und dort den Preis, der ihm 18000 Euro und jede Menge Aufmerksamkeit sichert. „Vor dem Fest“ heißt das Werk, es führt tief in die brandenburgische Provinz. Die Spanne einer Nacht genügt dem Autor, um mit einem kunstvollen Geflecht einen viel weiteren Bogen zu spannen.

Staniic kam mit 14 Jahren aus Bosnien nach Deutschland, er ackerte sich hinein in die fremde Sprache und machte sie sich untertan. Stanisic, nun 36, ist ein Erzählsüchtiger, Geschichten sprudeln aus ihm heraus. „Vor dem Fest“ umfasst 316 Seiten, das liegt im Normalbereich. Aber: „Ich hatte 400 Seiten zusätzliches Material. Die schwierigste Aufgabe war es, eine Dramaturgie zu finden“, sagt er im Gespräch mit Moderatorin Maike Albath, „und die richtigen rhythmischen Schläge, nicht zu lang, nicht zu kurz.“ Zwölf Figuren zieht Staniic durch seinen Roman, sechs von ihnen mit einer verdichteten Geschichte.

Für seine Lesung nahm Staniic Erzählfäden auf, die Frau Kranz folgen. In dieser Nacht will die Malerin draußen ein Bild malen, das auf dem Fest versteigert werden kann. Sie, die einst Zugezogene, malt immer nur die Uckermark, ihr Fürstenfelde, sie gibt dem Land ein visuelles Gedächtnis. Staniic erzählt von der Mal-Aktion, zugleich vom Interview, das ein Journalist mit ihr führt, von ihrem süßen Holundersaft, von ihrem Werden, und er fügt eine „Wir“-Ebene hinzu. Eine Über-Instanz sei das, die einem allwissenden Erzähler ähnele, sagt er, sie habe ihm den Zugang zu den Menschen erleichtert, also eine Art notwendiger Distanz aufgebaut.

Andere Figuren sind zum Beispiel Herr Schramm, der Oberstleutnant der NVA war und nicht mehr recht leben mag, Glöcknerlehrling Johann, die laufende Anna, Hühnermann Ditzsche, Frau Schwermuth, der Adidas-Mann und viele mehr. Staniic schreibt von Füchsen, die um die Hühner schleichen, vom Heimatmuseum, von Frau Reiffs Apfelkuchen, und er steigt tief ein in Geschichten, die sich um das Dorf ranken und es in sagenhafte Zeit zurückbefördern. Immer wieder baut Staniic „Originale“ früherer Jahrhunderte ein.

Der Roman bewegt sich laufend am Rande eines Zuviels. Zu viel Montage, Satzdrechselei, verspielte Wortschöpferei, zu viel Aufrisse neuer Geschichten, zu abrupte Perspektivwechsel. Zu viele Ideen. Aber der Roman stürzt nie ab. Nicht alles wird auserzählt, jede Nacht endet im Licht. „Ich habe in vier Jahren mit Sprache ein Dorf erschaffen“, bilanziert Staniic und setzt sein breitestes Lächeln auf: „Ich bin so stolz auf mich.“ Das Dorf lebt weiter: Ins Netz stellt der Autor, was er rausgekürzt hat.

Lange habe es gedauert, Saa Staniic für eine Lesung nach Lüneburg zu holen, sagte Kerstin Fischer vom Literaturbüro. Jetzt lebt der Autor in Hamburg, der Weg ist kurz geworden. Nur muss der Termin stimmen. Dieser lag ihm so gar nicht. Denn es gibt Fußball! Darum legt Staniic ein Handy auf den Tisch, wischt ab und an und nebenbei mit der Hand darüber. Und während er erzählt, wie er aus dem bosnischen ins deutsche Sprechen kam, haut er „0:3 unglaublich!“ dazwischen. Die Bayern gehen unter; im Glockenhaus löst es ein kleines Gelächter aus.