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Walter Knolle mit einem farbenreichen Holzschnitt von Heike Küster und einem Akt aus der eigenen Werkstatt. Foto: ff
Walter Knolle mit einem farbenreichen Holzschnitt von Heike Küster und einem Akt aus der eigenen Werkstatt. Foto: ff

Der Reiz des Archaischen

ff Radbruch. Eigentlich hat die Kunst-Technik des Holzschnitts keinen besonders guten Ruf: Wenn etwas sprichwörtlich als „holzschnittartig“ gilt, dann ist damit etwas Grobes, Ruppiges gemeint. Mittlerweile wurden zahlreiche raffinierte Drucktechniken entwickelt, doch immer wieder greifen Graphiker zu Schnitzmesser und Rohling, dafür werden sie gute Gründe haben. „Das Medium Holzschnitt“ hat Walter Knolle seine Ausstellung in der Kunstscheune Radbruch genannt, die heute, Sonnabend, um 15 Uhr eröffnet wird.

Es muss wohl der Reiz des Archaischen sein: Die Druckplatte lässt sich so ziemlich aus jedem Holz herstellen, auch aus Sperrholz. Den meisten Holzschnitten sieht man ihre Herkunft an. Die Linien sind kantig, gerade und eckig, die Flächen massiv, es gibt kaum weiche Übergänge  Licht oder Schatten, Farbe oder nicht Farbe, Punkt. Der Holzschnitt ist ein Hochdruck-Verfahren, soll heißen: Was auf der Platte stehen bleibt, wird mit Farbe bestrichen und gedruckt. Fehler verzeiht dieses System nicht. Der Künstler muss sich entscheiden, klare Konturen herausarbeiten, meistens bleibt es bei ein oder zwei Farben. Natürlich gibt es Ausnahmen, manche Holzschnitte wirken sogar wie zarte Aquarelle, auch dafür gibt es in der Ausstellung Beispiele, aber in der Regel steht die klare Form im Mittelpunkt, das Plakative.

Babylonier und Ägypter hatten bereits geschnittene Holzstempel in weichem Ton abgedruckt, in China kannte man im 4. Jahrhundert die Möglichkeit, reliefartig bearbeitete Inschriftensteine mit Tusche einzufärben und auf Papier wiederzugeben. In alpenländischen und bayerischen Klöstern entstanden die ersten künstlerischen Holzschnitte zwischen 1400 und 1550: Als „Pestblätter“ bildeten sie beispielsweise die als Pesthelfer verehrten Heiligen ab, sie gaben zusätzlich Gebetstexte wieder. In der Reformationszeit diente der Holzschnitt in Form von Flugblättern und Pamphleten als Vermittler religiöser, weltanschaulicher und künstlerischer Vorstellungen. Die Druckplatten sind robust und ermöglichen recht hohe Auflagen.

Gastgeber Walter Knolle war schon als Kind vom Holzschnitt (etwa von Buch-Illustrationen) fasziniert, bastelte sich die nötigen Utensilien selbst und beschäftigte sich später während des Studiums ausführlich mit dem Verfahren. Für die Ausstellung sammelte er außerdem Arbeiten von Kolleg(inn)en, das sind Doris Steffens (Amelinghausen) und Karl-Willi Haase (Lüneburg), Tita do Rego Silva (Hamburg), Wilfried Bohne (Osnabrück), Heike Küster (Hamburg), Bogdan Hoffmann (Bremen) und Hubert Piske (Hamburg). Dazu kommen Exponate aus Walter Knolles Privatsammlung. Die ältesten Drucke stammen aus den 20er-Jahren, die Stärke der Ausstellung liegt aber im Rundblick auf die Gegenwart. Viele Arbeiten haben etwas Märchenhaftes, Rätselhaftes, Experimentelles, auch Anklagendes, manche erinnern an Klassenkampf. Man muss Holzschnitte nicht mögen  entziehen kann man sich ihrer Ausdruckskraft nur schwer.

Zur Einführung auf der Vernissage spricht Dr. Martin Steffens. Die Ausstellung (Schäfer-Ast-Straße 15A, sbd./so. 15-18 Uhr oder Tel. 04178-818365) ist bis 29. Juni geöffnet.