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Nackte Angst im Lehrerzimmer: Wenn die Schulleiterin (im Hintergrund) spricht, dann halten alle ihre Schäfchen erschrocken still. Foto: t&w
Nackte Angst im Lehrerzimmer: Wenn die Schulleiterin (im Hintergrund) spricht, dann halten alle ihre Schäfchen erschrocken still. Foto: t&w

Hier hat jeder eine Macke

ff Lüneburg. Sage mir, welches Fach Du unterrichtest, und ich sage Dir, welche Macke Du hast: Deutsch? Etwas für realitätsferne Schöngeister. Musik? Kunst? So ähnlich. Mathe?, Physik? Gefühlsresistente, beziehungsunfähige Kindsköpfe, die nur in der kalten, klar definierten Parallelwelt der Zahlen, Formeln und Gesetze klarkommen. Sport? Nur in einem gestählten Körper wohnt ein gesunder Geist. In dem Bühnenstück „LehrerInnen“ von Tatjana Rese sind sie alle versammelt, zu erleben ist das Kollegium der Max-Raabe-Schule Lüneburg, ein Panoptikum der gescheiterten Pädagogen. Im e.novum-Theater feierte die schrille Revue Premiere mit viel Musik, mit Applaus und zuweilen sogar Jubel.

Kerstin Steeb inszenierte die „LehrerInnen“ für das Erwachsenenensemble III, und schon in wenigen Minuten steht die Richtung fest: Hier wird nicht fein reflektiert, es geht nicht um behutsames Abwägen oder so, die Darsteller lassen es krachen. Es gibt so etwas wie eine Rahmenhandlung. Der neue Referendar Georg Nolte (Mathe, Geografie), ein Alien mit Nerd-Brille und Seitenscheitel, meldet sich im Lehrerzimmer, er hat noch allerhand Flausen im Kopf: Sich einbringen, Kontakte knüpfen, ungewöhnliche Themen und Methoden wagen, am Ende will er allen Ernstes seine Reformvorschläge dem Kultusministerium unterbreiten. Armer Irrer.

Was er nun im Lehrerzimmer kennenlernt, ist durchweg ein Fall für die Klapsmühle  angefangen von der Schulleiterin Dr. Se. Weuss (also: The Voice), die längst aller irdischen Bindungen entsagt hat und deren rätselhafte Anweisungen nun aus dem Äther erklingen, über den Vetrauenslehrer, der gerne allen Frauen „unter die Arme greifen“ (also an die Wäsche gehen) möchte, bis zum bräsigen Hausmeister, der aus einem kaputten Kopierer noch lange keine Handlungsanweisung ableitet, und einem bösen Hausgeist. Sie alle haben ihre Auftritte, mit Musik von den Prinzen beispielsweise („Du musst ein Schwein sein“) über das „Heideröslein“ bis zu John Lennons „Imagine“. Und natürlich fehlt auch die ultimative Schul-Hymne von Pink Floyd nicht, also „Another Brick In The Wall“. Hier im Lehrerzimmer wird lamentiert, oft gekreischt und gebrüllt, es geht um „Tafelbild oder Folie“, aggressive und/oder apathische Schüler, der ewige Fluch des Burnout. Es gibt nur wenige leise Momente, in denen der Pädagoge durchschimmert, der tatsächlich so gern mal seine Klasse für sein Fach interessieren möchte.

Die Sportlehrerin, im Geiste vom Typ Turnmutter/Ost, trauert eher den alten Zeiten nach, als man mit Sport noch seinen Namen in der Zeitung unterbringen konnte. Bitte sehr, gerne, das funktioniert auch heute noch. Die temporeiche Show wird in Gang gehalten von Christiane Worthmann, Ronny Berger, Heino Harms, Rita Linderkamp, Bärbel Lippke, Imke Ruhland, Uta Schwarznecker, Sarah Manske, Julien Ziegeler, Gerd Schmidt und Karin Thurmann.

Ein Lehrerzimmer ist für Schüler schwerer zu erobern als eine Burg mit Wassergraben und hochgezogenem Brückentor. Einige schaffen es  zum grenzenlosen Entsetzen der Pauker  dennoch. Das sind Gäste aus e.novum-Jugendensembles: Carlotta Karrasch, Leonie Preuße, Christopher Schmidt, Hannah Sündermann und Niklas Winkelmann. Sie alle, LehrerInnen wie SchülerInnen, verdienten sich die Anerkennung der Zuschauer. Last not least: die Backstage-Truppe, Arndt von Diepenbroick (Klavier), Julia Debus (Kostüme), Matthias Riske (Bühne/Licht), Marta Denker (Regieassistenz) und Kerstin Steeb, die mit ihrer Zwei-Stunden-Inszenierung viel Klamauk riskierte und für ihren Mut vom Publikum belohnt wurde.