Dienstag , 27. September 2016
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Wolfgang Schurreit (l.) vom Stiftungsrat Kunst und Kultur lässt sich von Kristin Halm und Johannes Landmann über Ausbau und Aufbau des Kunstarchivs informieren. Foto: oc
Wolfgang Schurreit (l.) vom Stiftungsrat Kunst und Kultur lässt sich von Kristin Halm und Johannes Landmann über Ausbau und Aufbau des Kunstarchivs informieren. Foto: oc

Das Gedächtnis wächst

oc Neuhaus. Der größte Ort für die Kunst im Kreis liegt ganz am Rand, dort, wo ein Lüneburger so ein Gefühl von Urlaub bekommt. Das macht die Fahrt über die Elbe, das machen die Lämmer, die Störche, die sattgrünen Wiesen auf dem Weg nach Neuhaus. Das Sparkassengebäude allerdings ist ein Zweckbau, groß und ein bisschen trutzig. Das Haus ist zu groß für das Geschäft mit dem Geld, und das ist gut für die Kunst. Denn mittlerweile belegt das Kunstarchiv 600 der 800 Quadratmeter des Baus. Das künstlerische Gedächtnis der Region wächst, und das kann nochmal ein Problem werden.

Das Kunstarchiv ist ein Projekt der Sparkassenstiftung Lüneburg. Die Idee: eine repräsentative regionale Sammlung aufzubauen, „es geht um Bilder bzw. Künstler, die in einem Bezug zu Lüneburg stehen“, sagt Carsten Junge, Geschäftsführer der Stiftung. 2011 begann das Projekt. Zunächst waren Fragen des Lagerns, der klimatischen Bedingungen und der Sicherheit zu klären. Hilfestellung kam vom Maler Manfred Besser, der in Hamburg lange Jahre ein „Kontor feiner Künstlerwerkstoffe“ betrieb und heute in Hamburg, Ellringen und Barskamp lebt. Besser kümmert sich als Kurator und hilfreicher Geist auch um die Kunst im Göddinger Gerhard-Fietz-Haus, seine eigenen Bilder sind zurzeit mit Keramik von Klaus Fußmann im Kloster Cismar bei Grömitz zu sehen.

Was im Erdgeschoss begann, dehnte sich schnell aus. Mittlerweile hat das Kunstarchiv Zugriff auf Räume von Keller bis Obergeschoss. Nach drei Jahren ist die Sammlung auf mehr als 4000 Gemälde, Zeichnungen, Skizzen und Skulpturen gewachsen. Die Sammlung braucht dringend eine professionelle Systematik. Dafür sorgen seit Februar Kristin Halm und Johannes Landmann. Sie schauten, wie es in Hamburg gemacht wird und in Hannover, fanden ein „Premium-Programm“ beim Freilichtmuseum Kiekeberg, das sie nun nutzen. Jedes Bild, jedes Objekt wird  ohne Blitz  fotografiert, vermessen, mit Inventar-Nummer versehen, die Sammlung soll schließlich fürs Internet aufbereitet werden. Rund 60 Prozent habe man erfasst, meint Kulturwissenschaftlerin Halm, die noch an ihrer Bachelor-Arbeit sitzt. Sie dreht sich um den Maler Gerhard Fietz (1910-1997), dessen Werk im Kunstarchiv repräsentativ vertreten ist.

Künstler wie der Bleckeder Jörg Immendorff und der Lüneburger Jean Leppien, deren Wirkungskreis international wurde, sind im Kunstarchiv vertreten, ebenso regional bedeutsame wie Werner Steinbrecher und Herbert Kessler. In einem Gang stehen Bilder, die einst Hugo Friedrich Hartmann für den Ratskeller schuf. Sie wirken wie geräuchert, sind nicht aufregend, aber dokumentieren einen Ort und eine Zeit.

Da aber steckt das Problem. Was aufnehmen, was nicht? Was macht Sinn? Viele Künstler aus der Region hocken auf einem gewaltigen Fundus von Arbeiten und sorgen sich, was aus ihrem Werk werden soll. Carsten Junge bremst Erwartungen: „Wir übernehmen keine Gesamtnachlässe, keine Erbschaften, es kann immer nur um das Kernwerk geben.“ Einen Etat von gut 20000 Euro für Ankäufe hat das Kunstarchiv, das kann punktuell auch mal mehr sein.

Zugleich soll das Kunstarchiv kein Ort des Verwahrens werden. „Unsere Arbeiten sollen raus“, sagt Junge und zählt Ausstellungen auf, bei denen Bilder aus dem Kunstarchiv zu sehen waren, von Besser in Cismar bis zum Oktogon Hitzacker, wo Karin Marquardt und Barbara Westphal noch bis zum 11. Mai ausstellen. Wenn im Herbst die Kulturbäckerei in Lüneburg öffnet, die ja auch ein Projekt der Sparkassenstiftung ist, bieten sich dort Flächen für Ausstellungen, die aus dem Kunstarchiv bestückt werden können.

Wolfgang Schurreit, bei der Sparkassenstiftung Vorsitzender des Stiftungsrats Kunst und Kultur, richtet den Blick aufs große Ganze: „Es geht doch immer darum, eine kulturelle, wirtschaftliche und regionale Identität zu formulieren und zu finden. Dazu leistet das Kunstarchiv einen gehörigen Beitrag.“