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Olga Prokot spielt eine junge Sängerin im Familie/Karriere-Konflikt, im Hintergrund Kristin Darragh.
Olga Prokot spielt eine junge Sängerin im Familie/Karriere-Konflikt, im Hintergrund Kristin Darragh.

Eine Frau ist eine Frau ist eine...

Von H.-M. Koch
Lüneburg. Also Carmen. Sie ist schön, sie hat Sex, sie ist stolz, sie ist heiß, sie ist eiskalt, sie ist verrucht, sie trägt signalrote Kleider und hohe Hacken, sie verführt, sie verlässt, sie ist verdammt, sie ist ein Vollweib, sie ist ein Flittchen und und  und vor allem ist die Carmen eine verflucht attraktive Rolle für jede Sängerin, wenn sie die richtige Stimmfarbe mitbringt. Auf keiner Opernfigur lasten so viele Projektionen, Klischees und Erwartungen wie auf der Carmen der Herren Mérimée und Bizet. Dem spürt ein Theaterprojekt nach, das aus der Oper eine Reflexion über Frauenrollen macht: „Wir, Carmen“ im T.NT des Theaters Lüneburg.

Eine junge Sängerin ergattert den besten Job ihrer jungen Karriere: Sie wird an der Staatsoper als Carmen gebucht, allerdings nur als Cover. Das heißt, sie entwickelt die Partie in den Proben mit dem Regisseur, zur Premiere rauscht dann ein Star heran und sahnt den Beifall ab. Aber die gebuchte Diva pflegt ihre Marotten, wer weiß, vielleicht springt sie ab. Aus diesem Plot hat Nilufar K. Münzing nach einer Idee von Friedrich von Mansberg einen Text gebaut, der eine Fülle von Themen aufreißt. Das beginnt mit dem Sprung in eine Karriere, die zum Bruch der Beziehung der jungen Sängerin führt. Im Theater trifft sie auf einen herablassenden Dirigenten-Maes­­tro, einen von Sarkasmus und Eitelkeit getriebenen Regisseur, der Diva, die sich hinter einer Sonnenbrille versteckt, und vor allem begegnet sie sich selbst  mit allen Hoffnungen und Zweifeln.

Friedrich von Mansberg entwickelt daraus mit nur zwei Akteurinnen und einer Pianistin ein Stück, das klug und unterhaltsam um eine junge liebende Frau und aufstrebende Sängerin kreist und um das, was die Partie der Carmen mit ihr macht. Es gelingt, das mit einigem Anspruch befrachtete Thema plausibel, schlank und griffig umzusetzen. Riskant mag die Besetzung mit einer Sängerin und einer Schauspielerin erscheinen, aber von Mansberg passt Text und szenisches Handeln seinen Darstellerinnen genau an.

Bewundernswert, wie die Schauspielerin Olga Prokot zwischen den Rollen springt, wie sie Aufregung, Schmerz, Erstaunen, Glück und Enttäuschung der jungen Sängerin ausspielt, dazu die Karikatur eines überheblichen Regisseurs und vieles mehr. Kristin Darragh agiert als alter ego der jungen Frau, die also gedoppelt auf der Bühne erscheint, was dem Stück viel Tiefe gibt. Vor allem aber vermittelt Darrragh mit einer gesanglich reifen, farbenreichen Leistung die Musik von Bizet, voll von Wärme, Leidenschaft und Tragik. Die Sängerin muss dabei auch auf die Macken des Regisseurs reagieren, was gar nicht einfach ist. Dritte im Bunde ist am Klavier Hye-Yeon Kim, die stets flexibel reagiert, immer mitten im Geschehen ist.

Christiane Becker (Bühne, Kostüme) hat eine Art Laufsteg ins Studio hineingezogen. Auch das macht „Wir, Carmen“ zu einem hautnahen Theatererlebnis von 90 pausenlosen Minuten. Zur Premiere gab es langen Beifall, viele Bravos. Nächste Vorstellung: Donnerstag, 15. Mai.