Dienstag , 27. September 2016
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Die Fotografin gagel (rechts) hat die Thomasburger fotografiert, die Initiatoren Jutta Brüning und Rudolf Ludewig haben schon mal ihr Foto in das Projekt-Ausstellungsfenster geklebt. Foto: ff
Die Fotografin gagel (rechts) hat die Thomasburger fotografiert, die Initiatoren Jutta Brüning und Rudolf Ludewig haben schon mal ihr Foto in das Projekt-Ausstellungsfenster geklebt. Foto: ff

69 Tage Thomasburg daheim

ff Thomasburg. Die Fotografin gagel muss nicht lange überlegen, wenn sie ihr wichtigstes Thema nennen soll: „Menschen“. Die in Pinneberg lebende Künstlerin versteckt ihre Models hinter Masken oder stellt sie zu engen Gruppen zusammen, arbeitet mit Anonymisierungen, Verfremdungen und Vervielfältigungen, zuweilen mit ironischen Brechungen. In ihrem aktuellen Projekt aber steht das Individuum im Mittelpunkt, mit Name und Adresse. Auf die Frage „Wer ist Thomasburg?“ gibt gagel genau 69 Antworten.

Das Künstlerpaar Jutta Brüning und Rudolf Ludewig lud gagel in ihr Dorf zu einer Momentaufnahme: Wer sind die Bewohner von 21401 Thomasburg? Gagel zog los und kIopfte bei 125 Häusern an die Tür, hier leben insgesamt 450 Menschen. In immerhin 69 Fällen konnte die Fotografin die Bewohner  Singles und Familien  zum Mitmachen bewegen. Sie posieren im Garten, fotografiert in Schwarzweiß, der Garten selbst erscheint drumherum in Farbe: junge Eltern mit Baby, in Ehren ergraute Ehepaare, alteingesessene Bauern und zugezogene Pendler. Ein älterer Herr sitzt fröhlich und durchaus selbstbewusst statt auf der Gartenbank auf seinem Elektro-Mobil. Hunde und Katzen sollten mit aufs Bild, insgesamt 187 (zweibeinige) Thomasburger sind nun zu sehen. Sie werden auf den Bildtafeln mit Namen und Adresse benannt und kommen auch mit einigen Zitaten zu Wort: „Ich bin hier groß geworden, aber man darf hier nicht alt werden“, heißt es beispielsweise, ein anderer mag das Dorf, „weil uns die Nachbarn nicht direkt auf dem Teller hängen.“

Auf grundsätzliche Ablehnung oder Misstrauen stieß gagel eher selten: „Einige wollten nicht mitmachen, weil sie sich zu alt vorkamen. Oder sie ziehen in Kürze fort, fühlten sich also dem Ort nicht mehr zugehörig.“ In einem Fall hat gagel als Kompromiss einen leeren Strandkorb im Garten fotografiert. Die Initiatoren, also Jutta Brüning und Rudolf Ludewig, sind mit Tochter Lilith dabei. Bei ihnen daheim, Kirchring 6, ist nun das Ergebnis zu sehen. Das Domizil war früher mal Postamt, Kneipe  und Dorfladen. Eines der Schaufenster wurde 2010 zu einem Kunstfenster umgerüstet, drei Projekte im Jahr werden hier realisiert.

Nun also „Wer ist Thomasburg?“, gefördert von der Sparkassenstiftung. Morgen, Sonntag, wird die erste Familien-Foto-Tafel ausgestellt, jeweils eine pro Tag, macht also gut zwei Monate, alphabetisch nach Adressen geordnet, beginnend mit Okka und Michael Scheidt, wohnhaft Am Försterholz 1. Wer nicht warten will, bis er „dran“ ist, kann sich die Serie auch als Videoshow anschauen, außerdem lassen sich die Arbeiten als Sammelband bestellen. Sonntag um 15 Uhr beginnt die Aktion, zu rechnen ist im Kirchring mit einem kleinen Straßenfest. Im Hause Brüning und Ludewig läuft außerdem eine Ausstellung mit (anderen) Arbeiten von gagel.