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Shen Te (Claudia Grottke) ist am Ende. Gut ist nichts.Foto: theate/tamme
Shen Te (Claudia Grottke) ist am Ende. Gut ist nichts.Foto: theate/tamme

Erst kommt das Fressen

Von H.-M.Koch

Lüneburg. Drei Götter sind niedergefahren, um einen guten Menschen zu finden. Das muss ja wohl möglich sein. Die Götter sehen verzottelt aus, sie tragen weiße Fusselbärte und Cowboyhüte wie die Oparocker von ZZ Top, sie stolpern wie befuselte Weihnachtsmänner über die Bühne  ein seniles Trotteltrio. Die Götter werden sich am Ende des Abends vom Acker machen und was in den Bart lügen. Denn die Welt, wir sind beim Moralapostel Brecht, die ist nicht so, wie sie sein soll. „Der gute Mensch von Sezuan“, geschrieben im Exil zu Zeiten des Weltenbrandes, rechnet hart ab mit dem Zustand der Zivilisation. Barbara Neureiter hat nun aus dem alten Stoff ein kraftvolles Stück Theater in Szene gesetzt, das zur Premiere im Theater Lüneburg viel Applaus erntet.

Die Bühne präsentiert sich als Ort, der nach gefleddertem Sperrmüll aussieht. Lumpen, Schrott, Altreifen bilden Häufchen, keinen kümmerts, hier ist jeder mit seinem eigenen Überleben beschäftigt. Bühnenbildnerin Barbara Bloch hat ein Szenario der Verwahrlosung geformt. Es will auch nicht hell werden in dieser Welt, in die das depperte Göttertrio stolpert. Als guten Menschen deklarieren die Götter, die so langsam die Krätze kriegen, schließlich die Prostituierte Shen Te. Sie allein gibt ihnen Obdach, wird dafür entlohnt, öffnet einen Tabakladen  und hat kein Glück.

Gut zu sein, das müsse man sich leisten können, heißt es bei Bertolt Brecht, dem großen Schwarzweißmaler. Jeder ist in dieser kalten Welt auf seinen kleinen Vorteil, sein Überleben bedacht, auf schnellen Betrug, effektives Schmarotzen, taktisches Spekulieren. Fast alle leben im Elend, die einen kämpfen um die nackte Existenz, manche wie der Flieger Yang Sun (Philip Richert) tönen noch von hochfliegenden Plänen, andere wie seine Mutter (Britta Focht) klammern sich an den Rest ihrer Hoffnung, viele haben nur das nächste Fressen im Sinn. Da kommt auch danach keine Moral.

Barbara Neureiter setzt für ihre Inszenierung auf einen großen Entwurf. Es passiert in hohem Tempo viel parallel. Lauter kleine Nebenhandlungen wie die kickenden Kinder mit dem Lumpenball ziehen Aufmerksamkeit auf sich, fast ständig auf der Bühne sitzt die Näherin (Sigrid Messner). Das ist manchmal alles schon ganz schön wuselig, aber dann zen­triert sich die Szene wieder, und sei es dadurch, dass ein Bild „eingefroren“ wird oder eines der Lieder von Paul Dessau, eingangs von Tom Waits, das Spiel stoppt. Die Figuren sind alles Prototypen, wir sind nicht beim psychologischen Theater, und darum ist auch kaum zu erkennen, wer gerade wen spielt, heben sich Geschlech­tergrenzen auf, wird das Publikum auch direkt angesprochen. Ulrike Gronow zum Beispiel ist in sieben Rollen zu sehen, gerade noch Gott, schon Polizist... Enorm, was dafür auch das Team hinter der Bühne leistet, Imke Hampel und Garderoben-Mitstreiter müssen fliegende Kostümwechsel meistern.

Claudia Grottke spielt in ihrer letzten großen Rolle in Lüneburg die herzensnaive, weiche Shen Te, die sich schon bald immer wieder in ihren knallharten Kapitalistenbruder Shui Ta verwandeln wird, um nicht unterzugehen. Dann klingt ihre Stimme fast tonlos, strafft sie den Rücken. Die beiden Seiten einer Medaille werden von Claudia Grottke treffend hervorgekehrt. Sie ist der Fixpunkt im manchmal wuseligen Geschehen, ihre Figuren verhalten sich im Guten wie im Bösen klar und durchaus berechenbar. Die anderen in Sezuan haben fast alle etwas Verschlagenes, sind auschließlich vorteilsbedacht. Das macht die Not. Ob Fabian Kloiber als Wasserverkäufer oder Matthias Herrmann als Hausbesitzerin, Martin Skoda als Barbier oder Beate Weidenhammer als Witwe Shin.

Hinten auf der Bühne sitzen drei hervorragende Musiker, die auch noch Kleinrollen besetzen: Laurenz Wannenmacher, Reinhold Westerheide und Uwe Granitza. Diese Produktion funktioniert manchmal fast wie ein Wimmelbild, so viele kleine bezugsreiche Aspekte hat Barbara Neureiter eingebaut. Das große Ganze verliert sie dabei nicht aus den Augen, und auch wenn sich die Welt seit Brecht differenziert hat: Menschlicher ist sie nicht geworden, nur unübersichtlicher.