Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Birgit Becker spielt die Atemtrainerin Hannah und hat Stress mit ihrem Freund (Mattis Nolte). Foto: theater/wege
Birgit Becker spielt die Atemtrainerin Hannah und hat Stress mit ihrem Freund (Mattis Nolte). Foto: theater/wege

Worte ohne Wert

Von H.-M. Koch

Lüneburg. Hannah muss nach Zürich, sie gibt Atemkurse für gestresste Banker. Das zahlt sich aus. Ihr Sebastian muss mit. Er ist Spezialist für das Erforschen unnützer Dinge, kennt aus jeder Randwissenschaft etwas und bringt es zu nichts. Nun tauscht das Paar für ein paar Wochen die Wohnung, und schon klingelt es: Herangerauscht kommen Roman, der Kommunikationssatelliten ins All schießt, und Magdalena, eine Physiotherapeutin für Tiere. Zwei Paare ohne Parität. Erfunden hat das Quartett Moritz Rinke für seine bitterböse Komödie „Wir lieben und wissen nichts“, und in das Stück vertieft hat sich das Theater zur weiten Welt ­ als Gastspiel im T.NT.

Rüdiger Walter Kunze ist Hausregisseur der freien Lüneburger Bühne. Er hat in den vergangenen Jahren starke Abende geschaffen, zum Beispiel im Freiraum mit der „Grönholm-Methode“, auch mit Sommertheater-Abenden auf dem Hof der alten Musikschule. Kunze ist ein Mann, der Stärken und Schwächen eines Stückes analysiert und weiß, wie er den Stoff auf seine Truppe zuschneidet. Zwei aus dem Stammpersonal sind wieder mit dabei: Birgit Becker zeigt die toughe Frau fürs freie Atmen, Agnes Müller die Tiertherapeutin mit Zug zu Trunk und Depression. Die Männer wurden gecastet: Mattis Nolte trägt den Abend weitgehend, sein schwadronierender Sebastian ist mit seinem unkalkulierbaren Verhalten der Unruheherd in der Vierer-Konstellation. André Köhn spielt einen beruflich längst abgeschossenen Mann, der durch Geschäftigkeit die Realität auszublenden versucht.

Das Stück funktioniert wie eine Versuchsanordnung. Rinke zeigt die Beziehungslosigkeit in Beziehungen, Menschen auf der Flucht vor sich selbst. „Wir lieben...“ spielt wie die Stücke von Yasmina Reza in bürgerlichen Kreisen und ist ein Renner auf deutschen Bühnen. Verständlich, lässt sich doch vieles über das (Nicht-)Miteinander in Zeiten wie diesen aussagen. Jeder kreist um sich selbst, ganze Strecken von Dialogen bekommen eine Art Loriot-Lakonie, es wird grotesk aneinander vorbeigeredet. Worte fallen also viel, doch sie verpuffen wie Sterne in schwarzen Löchern. Dass Sebastian mit einer alten Pistole herumfuchtelt, dass sich Hannah und Roman im Fahrstuhl offenbar auf Anhieb verdammt nah kommen, das sind dramaturgische Effekte, die viel mit Theater, wenig mit Realität zu tun haben.

Kunze braucht für die Paarspalterei nur das Nötigste an Ausstattung. Sessel, Stuhl, Pappkartons, Bücherstapel, ein Entsafter  und als Gliederung etliche Lichtwechsel. Kunze lässt das Stück aber leider weitgehend vor sich hin laufen, es hat einen Rhythmus, doch über die gut zwei Stunden plus Pause verliert das Stück an Biss. Die Spannung ebbt mit der Zeit eher ab, es fehlt dafür an Tiefenschärfe in der Entwicklung der Charaktere.

Zu sagen hat der Abend dennoch etwas, denn Rinke fallen starke Gemeinheiten ein: „Solange wir nicht reden, trennen wir uns nicht, das ist doch auch schön!“ Das sagen sich Paare sonst nicht, auch wenn sie danach leben. Es lässt sich also einiges lernen aus diesem Abend, für den es am Ende freundlichen Applaus gibt.