Mittwoch , 28. September 2016
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Kerstin Schulte Tockhaus, Heiner Junghans (rechts) und Winfried Hummel hefteten sich an die Spuren von Kurt Schwitters. Foto: t&w
Kerstin Schulte Tockhaus, Heiner Junghans (rechts) und Winfried Hummel hefteten sich an die Spuren von Kurt Schwitters. Foto: t&w

Man kann ja nie wissen

hjr Lüneburg. Ethnologen, Soziologen oder Geografen haben es längst geahnt. Holland ist Dada. Kurt Schwitters (1887 bis 1948) behauptete das einst und bemühte sich postwendend um den Beweis. Danach weckt bereits die bloße Assoziation dadaistische Gefühle. Was immer gemeint sein könnte, der Künstler aus Hannover verwirrte mit solchen Texten seine Zeitgenossen und löste beim Publikum bevorzugt schmunzelnde Konfusionen aus. In der Somnambar, einer neue Hausmarke des Lüneburger Theaters, führten drei Akteure zu Harfenbegleitung in die höchst amüsanten und meist geradezu artistisch komplizierten Sprachlabyrinthe.

Es ist schon verblüffend, mit welchem Esprit Schwitters den vermeintlichen Nonsens auf den Zahn fühlte. Das beweist unter anderem die süffisante Auseinandersetzung mit dem stehenden Mann, der den Autor zu einer Endlosschleife animierte, gewürzt mit Passanten-Kommentaren zum stumm und stramm verweilenden Anonymus: Wortspiele mit Banalitäten des Alltags, immer wieder gern jene Anna Blume bemühend, die als eine Art running gag durch das Gesamtwerk des Malers, Grafikers und Dichters geistert.

Kerstin Schulte Tockhaus, Heiner Junghans und Winfried Hummel vergruben sich genüsslich in dem als „MERZ“ bezeichneten Gesamtweltbild. Sie gestalten die ausgewählten Exempel mit Verve und packendem Ausdruck, belichteten damit ein heute kaum noch präsentes Kapitel der Kulturgeschichte aus den Weimarer Jahren. Es sind staunenswerte Zeugnisse der Liberalität, des Aufbruchs und vor Kreativität berstender Energie zwischen Kriegsende und brauner Tyrannei. Hitlers Diktatur bescherte Schwitters das Aus: Der als „entartet“ Verfemte emigrierte nach England.

Grandios wirkt sein kryptisches Lautgedicht „Ursonate“ mit seiner einprägsamen Rhythmik: Montierte Konsonanten und Vokale, die sich semantisch verschließen und irgendwie als Cocktail aus Finnisch und Serbokroatisch ins Ohr spazieren, eilige Dekodierung aber radikal ausschließen. Schwitters entpuppt sich auf diesem Terrain als Virtuose, der braven Bildungsbürgergewohnheiten die kalte Schulter zeigte und manchen Beitrag in Metaphern packte, die Zuhörern wohl als freche Fratze vorkommen mussten, zum Beispiel in seiner philosophisch durchpulsten Abhandlung über den kaputten Schirm. „Man kann ja nie wissen“ steht auf Kurt Schwitters Grabstein in Hannover-Engesohde.

Dem ist kaum etwas hinzuzufügen. Der kurze, späte Abend im voll besetzten Foyer des T.NT war ohne Zweifel ein herrliches Vergnügen mit expressiven Wortkanonaden und im Wechsel harmonischen oder dissonanten Harfentupfern.