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Teil drei und Finale des Ballettabends: Noch geht es gesittet zu beim Bolero, aber das kann, das wird sich ändern  bis der Komponist den Stecker zieht. Foto: t&w
Teil drei und Finale des Ballettabends: Noch geht es gesittet zu beim Bolero, aber das kann, das wird sich ändern  bis der Komponist den Stecker zieht. Foto: t&w

Melancholie, Liebe und Rausch

Von H.-M. Koch

Lüneburg. Dies ist im Spielplan des Theaters Lüneburg der Platz, an dem das Ballettstudio steht: großes Haus, begrenzte Zahl an Karten, freie Platzwahl, Musik vom Band, ein Programm für Liebhaber. Das ist formal auch diesmal so, aber angekündigt wird ein Dreierlei: „Stairway to Paradise / Tango / Bolero“. Tango? Bolero? Das zieht.

Die Nachfrage vor der Premiere brummt entsprechend, und nun, wo die Sache über die Bretter getanzt ist, könnte das Theater anbauen. Denn soviel Begeisterung tobt hier sehr, sehr selten bis nie. Ballettdirektor Olaf Schmidt hat einen Abend geschaffen, für dessen Beschreibung mal ein Kunstwort passt: Es geht um MelanchoLiebe, von Einsamkeit bis zur Ekstase  ja, das auch, denn schließlich steht am Ende Ravels „Bolero“.

Eine Uraufführung und zwei recycelte Produktionen früherer Jahre hat Olaf Schmidt kombiniert. Die Musik kommt vom Band (Ton: Wolfgang Ziemer), die Bühnenräume werden vor allem vom Licht (Walter Hampel) konturiert. Für „Stairway to Paradise“ aber wird auch ein Treppenhaus angedeutet. Das steht grau und öde mit klappernden Briefkästen im Halbdunkel, wie es in Hochhäusern so ist, ein Ort des Anonymen. Das Paradies, das im Titel steckt, das findet im Kopf statt, mit Träumen von Liebe, Sex und Freundschaft. Die Realität sieht meistens anders aus, zeigt Schmidt mit Menschen, die grußlos aneinander vorbeistreichen. Da ist die Alte, die sich durch den Flur schleppt und sich von Gedanken hinreißen lässt in vergangene Zeit. Da ist der junge Asiate, der verdammt allein ist. Da sind Paare, die nicht wissen, ob und wie sie miteinander umgehen sollen. Dunkle Geschäfte werden abgewickelt, es kommt zu Szenen von Gewalt und auch von einer Liebe, die etwas mit Zärtlichkeit zu tun hat.

Olaf Schmidt hat dazu einen aufregenden Soundtrack erstellt, mit dem die Tänzerinnen und Tänzer zu verschmelzen scheinen. Das Repertoire an Bewegungen, aus dem Schmidt schöpft, scheint unbegrenzt, es ragt ins Artistische und besitzt doch Poesie. Nicht alles erschließt sich, es gibt viele Brüche, so wie es im wahren Treppenhausleben ein ständig wechselndes Auf und Ab gibt. Offenheit ist ein wichtiges Element, um Gefühle und Gedanken wirken zu lassen.

Bei Olaf Schmidts „Tango“ muss nicht Tango getanzt werden. Er nimmt die aus Melancholie und Leidenschaft schöpfende Musik Astor Piazzollas als Vorlage für eigene Bilder von Einsam- und Gemeinsamkeit. Schmidt erinnert an Ursprünge des Tangos, bei der Männer unter sich waren, und er greift das Spiel von Anziehung und Ablehnung auf, das im Tango schließlich zu kunstvoller Ritualisierung gefunden hat. Schmidt überhöht das Posen und das Machotum zur Parodie. Ewelina Kukuschkina und Matthew Sly sowie Robina Steyer und Kilian Hoffmeyer zeichnen sich als (Tango-)Paare aus  bis die Frau dem Kerl den Teppich unter dem Boden wegzieht.

Nahtlos geht es über in den „Bolero“, Ravels maschinenhaft treibendes Klangfarben-Crescendo. Die Musik besitzt einen Sog, dem sich nur durch Ausschalten entkommen lässt. Dafür sorgt der Komponist schließlich selbst, vorher reißt er alles mit sich. Frauke Ollmann hat den Damen und Herren festliche Roben auf die Körper gelegt, aber die feine Gesellschaft ist auf der Balz, streift bald die Schuhe ab, lässt die Sakkos von der Schulter gleiten. Olaf Schmidt entfacht einen Wirbel der dunklen, heimlichen, verklemmten und offenen Lieb- und Leidenschaften, ein Herr zum Beispiel scheint einer heimlichen Neigung zu Frauenschuhen nachzugehen... Dieser „Bolero“ wird mit viel Witz in Fahrt gebracht, mit einer Fülle parallel laufender Szenen und analog zur Musik sich steigender Verdichtung. Schmidt hat zu seinem Team alte Bekannte zum Comeback verlockt, er selbst tanzt mit und neben bereits Genannten noch Kerstin Kessel, Giselle Poncet, Katerina Vlasova, Christina Wojtasik, Oliver Hennes, Phong Le Thang, Francesc F. Marsal und Thomas Pfeffer.

Nach knapp 20 Minuten zieht Ravel den Stecker, die Musik bricht ab, der Rausch ist aus, die Tänzer kippen um, das Licht erlischt. Das Publikum flippt aus.