Donnerstag , 29. September 2016
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Uta Helene Götz gibt mit ihrer Kunst dem Wendland Profil. Rechts: Auf der Mützingenta ist noch etwas vom Anti-Atom-Protest zu spüren
Uta Helene Götz gibt mit ihrer Kunst dem Wendland Profil. Rechts: Auf der Mützingenta ist noch etwas vom Anti-Atom-Protest zu spüren

Ich habe nie Angst gehabt

oc Zeetze. Nein, nicht das Zeetze im Amt Neuhaus, sondern das bei Bussau, Püggen, Beesem, Mammoißel und Zargleben, tief also im tiefen Wendland. Nach Zeetze, rund 25 Einwohner, führen holprige Straßen, auf denen bitte kein Mähdrescher von vorn kommt. Zurzeit sind es Radfahrer und Fahrradtransporter, die das Wendland verstopfen. Bis Pfingstmontag läuft die 25. Kulturelle Landpartie, der Reisebegleiter zu Filz und Kunst ist auf 336 Seiten angeschwollen. In Zeetze bleibt es ruhig, aber kaum angekommen, fängt es an zu schneien. „Pappelsamen“, sagt Uta Helene Götz. Sie ist Zeetzerin, Zeichnerin, Holzschneiderin, Bühnen- und Kostümbildnerin und lebt nun seit 40 Jahren im Wendland.

Sie hat das alles mitgemacht, von Beginn an. Die vom Anti-Atom-Protest gespeisten aufregenden Kunst-Aktionen „Hart an der Grenze“ (1985) und „Da müssen wir durch“ (1987)  unvergesslich! Die Anfänge der Kulturellen Landpartie (KLP), als es noch primär um Gorleben und die wunden Punkte im Landkreis ging und nicht so sehr um Schmuck für Hals und Garten. Doch die Punkte, die den Unterschied machen, verblassen etwas: Auf dem Titel des Reisebegleiters werden nur noch „Wunderpunkte“ angekündigt, erst im Inneren tauchen die doppelsinnigen „wunde.r.punkte“ auf.

Versuche, das Anschwellen des Angebots zu bremsen, sind gescheitert. Uta Helene Götz bringt es so auf den Punkt: „Man muss sich immer wieder positiv machen, um es auszuhalten“, dann aber entdecke man nach wie vor Neues, Überraschendes, Spontanes. In Neu-Tramm etwa, wo sich Künstler aus dem Wendland und dem Hamburger Gängeviertel vernetzen. Und nach wie vor werde das ganze Jahr über basisdemokratisch um die Zukunft der KLP gerungen  „schrecklich, furchtbar, toll und rührend“ seien die Diskussionen. Sie mag den „Charme des Unperfekten“, auch wenn die Landpartie ein richtiger Wirtschaftsfaktor geworden sei. Trotz alledem transportiere man ja auch eine Haltung  Offenheit, Freundlichkeit, Wachheit.

Uta Helene Götz, Jahrgang 1942, hat eine recht typische Biographie für die Menschen, die das Wendland zur Region mit der wohl höchsten Pro-Kopf-Dichte an Künstlern machten. Sie stammt aus Potsdam, studierte in Berlin, ein Kind der 68er-Zeit. Sie zog hinaus aus der Stadt und machte das Gleiche in Grün. Sie lebte im Bauwagen, in Wohngemeinschaften, suchte Wege, das Leben anders, menschlicher, offener, freier zu gestalten. Heute lebt sie im eigenen Haus am Place Voltaire und sagt: „Es ist okay, wie ich es gemacht habe.“

Immer habe sie von dem gelebt, was sie gemacht hat. „Ich habe nie Angst gehabt.“ Auf der einen Seite die Kunst, die Holzschnitte. Auf der anderen Seite Bühnenbilder und Kostüme für Theater quer durchs Land, heute vor allem für die Freie Bühne Wendland. Das ist so ein Baby, das laufen gelernt hat und zu dem auch junge Akteure stoßen.

Sicher, sie hat auch mal gezweifelt: „Habe ich meine Zeit vergeudet mit all dem Hin und Her? Aber dem ist nicht so, ich lebe in so einer spannenden Zeit. Ich bin glücklich mit meiner Arbeit“, sagt sie und nimmt einen Schluck Kaffee. Uta Helene Götz kann streiten, sie übt Kritik, und sie kann lachen, sie liebt das Leben. Zurück in die Stadt? „Niemals! Ich brauche den Himmel.“ Wenn überhaupt, zieht es sie weiter hinaus. Wo soll das sein?

Es hat sich nicht viel gewandelt im Wendland, auch nicht durch die Wende, die der Abgeschiedenheit ein Ende setzte. Es gab Aktionen auf dem ehemaligen Todesstreifen („Zwischen den Stühlen“), ein paar Kontakte mit Künstlern von „drüben“, aber noch sind Unterschiede im Werden spürbar, im Wesen, im Denken.

Uta Helene Götz gehört zu denen, die das künstlerische Profil des Wendlands prägen, deren Kunst über den Kreis hinaus sichtbar ist. Mit weiteren Kolleginnen wie Irmhild Schwarz, Astrid Clasen und Hanínga Thiel bilden sie die Gruppe Kx07, die im Juli in Hamburg auf der Cap San Diego ihre Mappe „Die große Überfahrt“ vorstellen wird. Es gibt die Mappe schon, in Zeetze, einmal durch die Küche gehts zur Kunst, die Mappe hat Pizzakartongröße, könnte in eine Fahrradtasche passen  und lohnt.

Draußen schneit es noch Pappelsamen, die Katze döst nun seit einer guten Stunde im Pappkarton auf der Fensterbank, der Hund rollt sich vor ihr in einen Sessel und kontrolliert die Geräusche. Manchmal wehen Harfenklänge herüber, sie kommen von der Zeetzer Mühle, wo Thomas Breckheimer in diesen Tagen jeden Vormittag Harfenunterricht für Nichtharfenspieler gibt.

Auf dem Weg zurück nach Lüneburg ließe sich stoppen bei „Lomi Lomi Nui“-Massage, Papierurnen und Nasenflöten in Bussau, schamanischem Clownstheater und Tangoschlampenshow in Bausen und vielem, was das Leben bunt macht. In Mützingen ist Stau, da tobt parallel zur KLP die Mützingenta, so etwas wie eine komprimierte Landpartie plus Pizza, Bier und RocknRoll. Schöner, echter, wahrhaftiger ist es, wo Pappelsamen und Harfenklänge fliegen.