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Wasser spielt, konkret oder als Metapher, in den Erzählungen von Stefanie Sourlier eine wichtige Rolle. Foto: ff
Wasser spielt, konkret oder als Metapher, in den Erzählungen von Stefanie Sourlier eine wichtige Rolle. Foto: ff

Dicht am Wasser geschrieben

ff Lüneburg. Wo, bitteschön, liegt Archangelsk? Und: Was hat der Mensch dort verloren? Zwei junge Frauen, die sich eine Wohnung teilen, beschließen, dorthin zu fahren, nur so, warum auch nicht. Die eine von beiden, Ella, sagt, in Archangelsk hätten sich ihre Eltern zum ersten Mal geküsst, am Strand des Weißen Meeres. Die See immerhin ist ein Argument für ihre Freundin, die als Ich-Erzählerin durch den Erzähl-Band „Das weiße Meer“ vagabundiert. Dahinter steckt die Stefanie Sourlier, die mit ihrem Debüt als Buchautorin viel Aufsehen in der Branche erregte. Zurzeit ist sie Literaturstipendiatin im Lüneburger Heine-Haus.

Ursprünglich sollte die Sammlung von neun Erzählungen „Unter Wasser“ heißen. Denn es geht der Schriftstellerin um das Verschwimmen der Wahrnehmung, um das (seitenverkehrte) Spiegeln der Realität, auch um das Geheimnisvolle, Mystische, das mit dem Lebensraum Wasser immer noch verbunden ist. Und es geht Stefanie Sourlier um die Frage, inwieweit Vorstellungen und Träume unseren Weg durch die Gegenwart bestimmen. So gesehen ist „Das weiße Meer“ auch ein guter Titel, denn die glatte, weiße, vielleicht gefrorene Oberfläche des Wassers könnte als Leinwand gelten, auf der wir unsere inneren Bilder projizieren. Die Autorin spricht von der „Traumlogik“, die es zu erfassen gilt, Melancholie und Resignation ziehen sich durch das Buch, die Protagonisten erscheinen selten als Akteure, ihre Fallhöhe ist gering. Vorhaben sind dazu da, beizeiten aufgegeben zu werden, Hoffnungen führen zu Enttäuschungen, die Enttäuschung zur Gleichgültigkeit  oder vielleicht doch zu einem später erkennbaren Sinn.

Als „wundersam“ und „enigmatisch“ werden die 2011 veröffentlichten Szenarien der Schweizerin bezeichnet, die hauptsächlich in Zürich und manchmal in Berlin lebt, eigentlich überhaupt nicht verhuscht wirkt. Von „amorphen Seelenkörpern“ ist in einer Rezension die Rede, ein anderer Kritiker feierte sogar die Rückkehr der Erzählung in einem an Romanen erstickenden Literaturbetrieb. Natürlich ist Alice Munro, die aktuelle Nobelpreisträgerin, mit ihrer Fähigkeit, in wenigen Sätzen ein ganzes Leben zu schildern, für Stefanie Sourlier ein Fixstern. Ihr aktuelles Projekt wird dennoch ein Roman; Arbeitstitel: „Nach Odessa“. Es geht wiederum um das Reisen, Ein- und Auswandern, Hintergrund ist ein Kapitel ihrer eigenen Familiengeschichte, aber es soll nichts Autobiographisches entstehen.

Stefanie Sourlier, geboren 1979 in Basel, aufgewachsen in Zürich, war als Kind wie als Teenager eine echte Leseratte, studiert Germanistik und Filmwissenschaften, pflegt heute filmische Erzähltechniken wie Schnitt oder Überblendung in ihrer Schreibsprache und freut sich über die Nähe der Heine-Wohnung zum Lüneburger Scala-Kino. Die Autorin erhielt Stipendien des Berliner Senats und des Literarischen Colloquiums Berlin und ist gern unterwegs, Eindrücke sammeln; eine Reise nach Odessa ist geplant, aber da muss sie die Krise in der Ukraine im Blick behalten. In Lüneburg kennt sich die Autorin schon ziemlich gut aus, sie fühlt sich Heinrich Heine nahe, denn „das Schöne kippt auch bei ihm oft ins Traurige, Zynische ab“. In Archangelsk war Stefanie Sourlier übrigens tatsächlich, das ist eine ziemlich triste, heruntergekommene Industriestadt im Norden Russlands, und es stellt sich wirklich die Frage, warum man/frau dorthin reisen sollte.

Fest steht: Am Mittwoch, 11. Juni, 20 Uhr, stellt sich Stefanie Sourlier im Heine-Haus vor. Partner der Tandem-Lesung ist Gunther Geltinger, Heine-Stipendiat im Jahre 2011. Er liest aus seinem Roman „Moor“.