Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Paul DeMarinis begibt sich unter seine Klanginstallation RainDance, die längst als Klassiker gilt und nun in Herrenhausen aus Regen Klang und Musik macht.
Paul DeMarinis begibt sich unter seine Klanginstallation RainDance, die längst als Klassiker gilt und nun in Herrenhausen aus Regen Klang und Musik macht.

Ernst, aber nie hoffnungslos

oc Hannover. In Hannover beschäftigen sich Politiker und Marketingprofis ungern, aber oft mit dem Image der Stadt. Große Studien wurden gemacht, herausgekommen ist eigentlich etwas verhältnismäßig ganz Gutes, und Bürgermeister Stefan Schostok findet einen Begriff wie „Hannover überrascht“ klasse. Das erzählt er am Rand des Starts der Kunstfestspiele Herrenhausen, die ihr fünftes Jahr erleben und dazu beitragen, dass Hannover in der Tat nicht so ein Irgendwie-Image verdient, sondern Wahrnehmung. Die Kunstfestspiele sind Avantgarde und machen zunächst mal Spaß und das Publikum nass.

Auf dem Weg zu Orangerie und Galerie, zu Großem Garten und seinem  in alter Hülle und neuem Inhalt glänzenden  Schloss nämlich prasselt der Regen bei jedem Wetter. Schon ein Klassiker ist der „RainDance“, den Paul DeMarinis 1998 schuf. Nun greift das Publikum in Hannover zum Schirm, lässt Regen draufpladdern und erlebt einen Hörraum aus Geräuschen, Rock- und Mozartklängen. Das macht Spaß und neugierig auf das, was kommt bzw. was die Festspiele bis zum 1. Juli bieten.

„Verhältnisse“ hat Intendantin Elisabeth Schweeger zum Motto ihrer fünften und letzten Spielzeit erhoben. Schweeger denkt groß und couragiert, sie verbindet Musik, Theater, Kunst, Wissenschaft und Natur, sie findet Unterstützer und hat die Kunstfestspiele zu einem Aushängeschild der Stadt gemacht. „Die Lage ist ernst, aber nie hoffnungslos“, wandelt sie Karl Kraus ab.

Schweegers Verdienst: Herrenhausen erzählt nicht nur Herrschaftsgeschichte, Herrenhausen schreibt mit den experimentierfreudigen Kunstfestspielen auch an der gegenwärtigen. Mehr Mut zum Risiko fordert passend in seiner Eröffnungsrede Martin Roth, er leitet das Victoria and Albert Museum in London, ist Hannover seit Expo-Tagen verbunden. Roth sieht in der Kultur eine treibende Kraft und erzählt mit Stolz, dass für seine David-Bowie-Ausstellung, die nun in Berlin läuft, gefälschte Tickets in Umlauf kamen.

Sperrig, ergreifend, betörend und rätselhaft wie das ganze Leben und Sterben kommt die erste große Produktion der Kunstfestspiele daher, eine szenische, um Neue Musik bereicherte Fassung des Mozart-Requiemfragments. Die 80 Meter lange Galerie verbirgt dafür ihre barocke Pracht in Dämmerlicht. An Kopf und Fuß des Saals stehen Stühle für das Orchester. Baugerüste, ein Bett, ein klappriges Auto, Sandhaufen, eine Klappleiter und mehr säumen den Raum. Das Publikum greift zum Papphocker, darf und soll sich bewegen in einem Spiel über Tod und Leben, Ende und Anfang. Immer wieder stürzen Menschen nieder, entstehen Bilder der Vergänglichkeit, und dazu läuft Richard von Schoors Musik, die sphärisch daherkommen kann, Geräusche des Atmens einbaut, die Reibungen erzeugt und sich Mozart nähert, sich ihm aber nie anbiedert.

Es sind keine Ergänzungen zu hören, sondern eigenständige Hinzufügungen, die von Schoor „Hitotsu no kotae“ nennt. Zum Requiem selbst begibt sich das Orchester ans andere Saal-Ende. Der Tölzer Knabenchor singt mit Hingabe, vor allem aber entwickeln die männlichen Solisten einen Sog, der süchtig machen kann. Das sind die Countertenöre Valer Sabadus und Terry Wey, Tenor Daniel Johannsen und Bass Tomas Král. Schauspielerin Anna Franziska Srna zitiert Christa Wolfs „Kassandra“, Tänzer Valenti Rocamora windet und schraubt sich durch den Saal.

Christof Nel und Martina Jochem haben einen Parcours des Nachdenkens zum Rätsel der Vergänglichkeit geschaffen und multimedial aufgeladen. Mozart-Textzeilen laufen über die Wände und unkenntliche Fragmente aus Filmen, in denen das Mozart-Requiem vorkommt, flackern. Da droht dann der Overkill. Zusammengehalten wird der Apparat von Michael Hofstetter, der das Gießener Theaterorchester zu sensiblem Klang führt. In Gießen wird die Produktion wieder aufgenommen.

Die Kunstfestspiele Herrenhausen werden in den kommenden Tagen Kriegs- und Fußballverhältnisse beleuchten, sie laden zur begehbaren Sinfonie und öffnen den Pavillon der Sinne, in dem sich die Akademie der Spiele zeigt, ein Künstler/Schüler-Projekt im Geiste des großen Hannoveraners Gottfried Wilhelm Leibniz.

Beim zweiten Teil im September werden die Kunstfestspiele unter anderem eine neue Oper präsentieren: „George“, womit nicht der Hannoveraner auf Englands Thron gemeint ist, aber einer, der ebenfalls für den Hannover-London-Kontakt steht: Georg Friedrich Händel.

Verwandtschaftsverhältnisse rückt Hannover in diesem Jahr großflächig ins Licht. Vor 300 Jahren begann die sogenannte Personalunion, die Hannovers Herrscher auf den britischen Thron brachte. Die Landesausstellung beleuchtet das Thema, auch im neu eingerichteten Schloss Herrenhausen lässt sich einiges darüber erfahren.

Das Verhältnis Schweeger/Hannover aber endet. Ein Programm für 2015 hat die umtriebige Programmmacherin erstellt, dann aber muss jemand anders dafür sorgen, dass Hannover überrascht und sein Imageproblem, das wohl eher ein Kommunikationsproblem ist oder eines aus Gewohnheit, einfach ignoriert.