Dienstag , 27. September 2016
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Sven Kamin alias Rugger Muffin Bäcker eröffnete den Reigen der Poetry-Slammer, die sich im Salon Hansen jeweils mit einem Sieg für das Finale qualifiziert hatten. Foto: t&w
Sven Kamin alias Rugger Muffin Bäcker eröffnete den Reigen der Poetry-Slammer, die sich im Salon Hansen jeweils mit einem Sieg für das Finale qualifiziert hatten. Foto: t&w

Drei Worte für eine Kicherorgie

aat Lüneburg. Wie abwechslungsreich Nachwuchspoeten, Geschichtchenschreiber und Wortakrobaten ihr individuelles Wortkino gestalten können, zeigen sie allmonatlich im Salon Hansen. Ein Sieger wird jedes Mal ermittelt, wenn der „Kampf der Künste“-Poetry Slam über die Bühne geht. Gleich zwei Gewinner aber gab es beim Jahresfinale der Monatssieger aus der vergangenen 9. Slam-Spielzeit in der fast ausverkauften Scheune des Kulturforums: Fabian Navarro und Felix Lobrecht.

Eine Slammerin und sechs Slammer kämpften um die Ehre und den Preis, eine Flasche Whisky. Zuvor lehrte der permanent witzelnde Moderator Moritz Neumeier das Publikum, wie es zu applaudieren hatte auf einer Skala von fairem Beifall bis hin zu frenetischem Getöse für eine Spitzendarbietung. Doch einzig ausschlaggebend für die Wertung war der Applaus erst in der Endrunde der letzten drei Kandidaten. Während der Eröffnungsrunde verteilte eine spontan zusammengestellte Jury aus fünf freiwilligen Zuschauern die Punkte. Null Punkte gab es natürlich nicht, über 20 (gemittelt aus drei von jeweils fünf Punktevergaben) schaffte jeder, die Entscheidungen fielen knapp aus.

Zu Recht, denn die Poeten, ein Mikro in der Hand, im Einsatz nur Stimme, Mimik und Gestik, ohne Requisiten, ohne Gesang, lieferten durchweg Ideen- und Geistreiches. Geboten wurde ein Mix unterhaltsamer Dichtkunst und Prosa, thematisch zwischen Nonsens, Persönlichem und politischem Ernst angesiedelt, mit allerlei Spott und Humoristischem gewürzt. Den Beginn machte Sven Kamin als Rugger Muffin Bäcker, Julian Heun ließ seine zarte Kindheit aufleben, Daniel Wagner schwelgte im Freestyle-Rap für Jüngere und Noah Klaus plädierte für gehobene Sprachkultur.

Die einzige Frau im Wettbewerb, Fatima Moumouri, hatte es mit turbulentem Aufbegehren gegen die Weltausbeutung in die Endrunde geschafft; ihre Seelensturm-Performance reichte dann leider nicht fürs Treppchen. Ihre Mitbewerber um den Sieg machten ein schnelleres Verstehen ihrer Texte einfacher: Felix brauchte nur drei Wörter, um Kicherorgien auszulösen, ob es um vier Hunde als Weihnachtsgeschenk ging, die Partys der Humanbiologen oder trockenen Dorsch. Fabian schließlich, zunächst Kartoffeln als Handwärmer empfehlend, erinnerte sich tragikomisch ans heimatliche Sauerland, das er einst hasste und nun lieben lernt.

Nach der vom DJ-Pult aus unterstützten Pause begleiteten sich Oliver Haas und Tim Ludwig aus Leipzig auf der Gitarre: Das Duo „Bye Bye“ aus Uniabsolventen mit unbestimmten Zukunftsplänen, das sich (noch) gern von jedermann buchen lässt, wenn ihnen ein Publikum, eine Übernachtung und ein gemeinsames Frühstück zugesagt werden, wird derzeit immer populärer: So leger, lustig und warmherzig klingen deren Deutschpopsongs um dringend benötigte 5,5 Dioptrin-Brillengläser und andere alltägliche Existenzprobleme.